Das Herz spricht – Eindrücke eines Teilnehmers der Sommerreise 2013

Ich will keine Werbezeilen schreiben. Mein Gefühl sagt jedoch, schreibe das, was du empfandest bei der Radreise mit Thomas Handrich im Juli in der Pfalz 2013, schreibe von der interessanten Gruppe, den wunderbaren Eindrücken, den sehr anregenden historischen Einblicken, den politischen Unterhaltungen und und und. Also lieber Leser verzeih, wenn ich schwärme wie zu Werbezwecken. Es sind Zeilen aus dem Bauch, aber auch aus dem Kopf.
Also, ich empfehle eine Radreise mit Thomas. Warum?
Es gibt einige Gründe ohne Rangfolge. Die Radreise war wunderbar ausgewogen. Es gab Bildung, neues Wissen. Neben der Bildung gesellte sich ein guter Wein, begleitet vom Essen, gegeben vom einfachen Weinbauern oder vom professionellen Genießerrestaurant. Die Pfalz ist eine sehr schöne Landschaft, eine Region, wo sich deutsch und französisch verbindet, Berge, Wälder, Orte, die Geschichte besitzen, zu der unterschiedliche temperamentvolle, aber faszinierende Referenten bei der Reise Einblicke gaben. Der Funken der Geschichte sprang über, die Seele der Region wurde fassbar. Ich bin sehr dankbar dafür. Wer weiß schon, dass sich in der Zeit der französischen Revolution deutsche Gemeinden in der Pfalz anboten, der französischen Nationalversammlung beizutreten. Das war Rebellion.
Neben der wunderbaren Erweiterung des Blickhorizontes war die Radlergruppe aber auch von sehr interessanten, zurückhaltenden, offenen Menschen geprägt, die die Thematik stark bereichern konnten. Die Reise war eine ganzheitliche, starke Erfahrung.
Zur Thematik und zum Programm der Radreisen steht auf Thomas Seite einiges, natürlich viel weniger als man aufnehmen wird. Und bei der Radreise wird keiner intellektuell zugeschüttet, keiner wird radmäßig verheizt. Thomas hat für alle Beteiligten eine Auswahlmöglichkeit.
Ich werde es genießen, wieder einmal solche Tage mit Thomas und den dann anderen, sich interessierenden Leuten zu verbringen. Nun hoffe ich, nicht zu schwülstig geschwärmt zu haben, das Herz spricht.
Lutz aus Dresden

Special Guests bei der Maireise: Vova und Nina aus Belarus!

Ich freue mich sehr, dass mit Vova und seiner Frau Nina zwei Gäste aus Belarus die Radtour bereichern werden. Wir werden durch ihre Teilnahme sicherlich einen vertieften Einblick in die aktuellen Demokratiebestrebungen im Osten Europas gewinnen. Vova hat uns ein paar Zeilen geschrieben, in der er sich kurz vorstellt:

Hello!
My name is Vova.
I am a Historian from Minsk, Belarus.
In my country history is a highly politicized craft and connected with a political position. So when we speak about historical knowledge/education we mean, more or less, political knowledge/education.
I am convinced that direct democracy and socialism are very valuable instruments and goals for our society. That mean, I have no prospects inside academic institutions in my home country. I found myself in the position of a NGO historian (or, to put it in nicer words: being a social movements historian). I try to work not only with touchy research topics, but also with unusual ways to promote knowledge of history.
That’s why I am going to join the bicycle tour lead by Thomas Handrich. I hope that after participating I will be ready to implement some of the conceptual thoughts and methods used by Thomas in my work at home. I plan to organize some shorter (2-3 days) bicycle trips with my friends in Belarus.
I am especially excited with that part of tour’s programme which is connected to the second half of the XX century, as that is where my research interests are.

Es geht wieder in die Pfalz: Alla hopp, diesmal mit Neelke als meine Leitungskollegin

Am kommenden Montag beginnt meine 5. Radtour in die rebellische Pfalz. In diesem Jahr in Kooperation mit der Landeszentrale für Politische Bildung Rheinland-Pfalz.
Mitradeln werden 15 neugierige RadlerInnen aus vielen Regionen Deutschlands.
Von der letzten Tour im Mai dabei sind Eberhard und Axel, beide textsicher in den revolutionären Liedern. Und: Axel wird wieder sein kenntnisreiches Wissen zur Französischen Revolution und zur Geschichte des Vormärzes in einer Art und Weise darbieten, dass es alle spannend finden. Hier gibt es das ausführliche Programm der Reise.

Mit dabei wird meine Leitungskollegin Neelke Wagner sein. Sie hatte mich vor über einem Jahr interviewt und als ich sie angesprochen habe, sagte sie gleich zu. Neelke hat – wie ich – Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU studiert, und macht derzeit die Printredaktion bei Mehr Demokratie e.V. Sie ist gespannt darauf, wie das Format „Politisches Radeln“ in der Praxis aussieht. Eine gute Radlerin ist Neelke allemal, wie ich mich bereits überzeugen konnte.

Ich melde mich dann wieder nach der Reise mit meinem Rückblick auf die Reise.

Bis dahin!

Grüßt herzlich

Thomas Handrich

Kritische Nachlese der Augusttour

⇐ Nachlese Augusttour 2015

Zum Abschluss der Berichterstattung zur Augustreise (Baden/Pfalz) ein längerer Bericht eines nicht namentlich genannt werden wollenden Teilnehmers. Er setzt sich kritisch mit einigen Diskussionen während der Politischen Radreise im August auseinander:  Er beobachtet Anti Marx-Engels Reflexe bei einigen der Teilnehmenden und setzt sich kritisch mit den Äußerungen eines teilnehmenden Solidarność-Aktivisten über seine Interpretation der Ukraine-Krise auseinander. Durch einen Perspektivwechsel, mit dem Fokus auf die Kriege um das Erbe Jugoslawiens (1991-98)  macht er darauf aufmerksam, dass die aus den demokratischen Revolutionen hervorgegangenen Nationalstaaten nicht die von den süddeutschen 1848ern erträumten friedfertigen Idylle geworden sind. Bis heute werden grundlegende Menschenrechte, wie im Augenblick dasjenige der Freizügigkeit, in vielen demokratisch verfassten Staaten, missachtet. Erkämpft werden diese Rechte von Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, im Konflikt mit den demokratischen Staaten.

 

Nun zum Text:

„Die zur Lektüre empfohlene Artikelserie von Friedrich Engels zur Reichsverfassungskampagne (MEW 7, 109–197) hatte ich zur Einstimmung komplett gelesen – und genoss es umso mehr, aus dieser Perspektive die Dinge, die sich mir boten, anzuschauen und zu vergleichen. Bald stellte sich (nicht allzu überraschend) heraus, dass unsere heutigen Demokraten auf Engels’ Sichtweise ebenso pikiert reagieren wie ehedem: So mokierten von den wenigen, die den Text gelesen hatten, die einen die Arroganz des Verfassers (sie fühlten ähnlich wie Carl Schurz bei der Gelegenheit, als er den Mohren einmal traf, wovon Golo Mann, der natürlich Schurz’ Sentiment teilt, in seiner „Deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts“ berichtet), während die anderen vermeinten, der Mann müsse die Beschreibung der militärischen Geschehnisse „abgeschrieben“ haben (wo oder bei wem wurde natürlich nicht gesagt), da er unmöglich selber an allen teilgenommen haben könne – ein, wie ich fand, doch recht amüsantes Nonsequitur.

Lustig war auch, auf der Reise einen polnischen Demokratiekämpfer zugegen zu haben, wenn auch nur zur Demonstration, dass von diesen Volksgenossen heute wie damals beim Erklimmen der Höhen der Demokratie nur sehr begrenzter Nutzen zu erwarten ist. Ich fragte mich im Stillen, ob es der Erreichung dieser hehren Ziele in seinem aktuellen Wirkungsfeld Ukraine förderlich sei, in Fragen der Krimabspaltung oder des im Donbass tobenden Bürgerkriegs immer nur das Wirken des großrussischen Aggressors erkennen zu wollen. Was eine solche Sichtweise für die dadurch zur fünften Kolonne Moskaus abgestempelte Bevölkerung der Ostukraine am Ende zur Folge haben wird, hätte man ja vielleicht bei der Rückschau auf die beiden großen Militäroperationen des Balkankrieges reflektieren können, die sich während unserer Bildungsreise just zum 20. Mal jährten – nämlich die (in der Diktion der damaligen Tagesschau) „Befreiungen“ der Enklave Bihać und von Knin mitsamt der ganzen übrigen, vom „großserbischen Aggressor“ okkupierten Gebiete Kroatiens.

Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, dass die gewaltigen Flüchtlingsströme, die sich damals gen Süden ergossen, heuer in umgekehrter Richtung durch Serbien ziehen. Dass in beiden Fällen Krieg und Flüchtlingselend maßgeblich mit zu verantworten sind von den Nachfolgern der in den demokratischen Revolutionen 1646, 1776 und 1789 ins Leben gerufenen Republiken (mitsamt den Nachzüglern von 1918–1989) – das kann man freilich nur von sozusagen engelsgleicher Warte aus wahrhaben und verstehen.

Ebenfalls vor genau 20 Jahren sinnierte übrigens Roman Herzog in einer Rede über die Antiquiertheit des Nationalstaatssystems. Wenn es nun darum geht, etwa den durch nationalstaatliche Rücksichten unzeitgemäß verkrüppelten Artikel 13 der UN-Menschenrechtscharta einen transnationalen Sinn und Inhalt zu geben, dann darf man von einem deutschen Bundespräsidenten freilich nicht viel erwarten – man kann nur wieder, engelsgleich, die Hoffnung setzen auf die armen, mutigen und entrechteten Habenichtse, die gerade aus der Levante nach Europa strömen, und sie dabei unterstützen, wie sie dieses Recht an den balkanischen Grenzzäunen – wenn es sein muss, mit Gewalt und Landfriedensbruch – erkämpfen.

So kann ich am Ende in meinem persönlichen Fazit nur mohrengleich (MEW 7, S. 34, in dem dortigen Gedankengang das „Blut der Juniinsurgenten“ durch die Leichenberge des Mittelmeers ersetzend) ausrufen: Die Freizügigkeit ist tot – es lebe die Freizügigkeit!“