Kritische Nachlese der Augusttour

⇐ Nachlese Augusttour 2015

Zum Abschluss der Berichterstattung zur Augustreise (Baden/Pfalz) ein längerer Bericht eines nicht namentlich genannt werden wollenden Teilnehmers. Er setzt sich kritisch mit einigen Diskussionen während der Politischen Radreise im August auseinander:  Er beobachtet Anti Marx-Engels Reflexe bei einigen der Teilnehmenden und setzt sich kritisch mit den Äußerungen eines teilnehmenden Solidarność-Aktivisten über seine Interpretation der Ukraine-Krise auseinander. Durch einen Perspektivwechsel, mit dem Fokus auf die Kriege um das Erbe Jugoslawiens (1991-98)  macht er darauf aufmerksam, dass die aus den demokratischen Revolutionen hervorgegangenen Nationalstaaten nicht die von den süddeutschen 1848ern erträumten friedfertigen Idylle geworden sind. Bis heute werden grundlegende Menschenrechte, wie im Augenblick dasjenige der Freizügigkeit, in vielen demokratisch verfassten Staaten, missachtet. Erkämpft werden diese Rechte von Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, im Konflikt mit den demokratischen Staaten.

 

Nun zum Text:

„Die zur Lektüre empfohlene Artikelserie von Friedrich Engels zur Reichsverfassungskampagne (MEW 7, 109–197) hatte ich zur Einstimmung komplett gelesen – und genoss es umso mehr, aus dieser Perspektive die Dinge, die sich mir boten, anzuschauen und zu vergleichen. Bald stellte sich (nicht allzu überraschend) heraus, dass unsere heutigen Demokraten auf Engels’ Sichtweise ebenso pikiert reagieren wie ehedem: So mokierten von den wenigen, die den Text gelesen hatten, die einen die Arroganz des Verfassers (sie fühlten ähnlich wie Carl Schurz bei der Gelegenheit, als er den Mohren einmal traf, wovon Golo Mann, der natürlich Schurz’ Sentiment teilt, in seiner „Deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts“ berichtet), während die anderen vermeinten, der Mann müsse die Beschreibung der militärischen Geschehnisse „abgeschrieben“ haben (wo oder bei wem wurde natürlich nicht gesagt), da er unmöglich selber an allen teilgenommen haben könne – ein, wie ich fand, doch recht amüsantes Nonsequitur.

Lustig war auch, auf der Reise einen polnischen Demokratiekämpfer zugegen zu haben, wenn auch nur zur Demonstration, dass von diesen Volksgenossen heute wie damals beim Erklimmen der Höhen der Demokratie nur sehr begrenzter Nutzen zu erwarten ist. Ich fragte mich im Stillen, ob es der Erreichung dieser hehren Ziele in seinem aktuellen Wirkungsfeld Ukraine förderlich sei, in Fragen der Krimabspaltung oder des im Donbass tobenden Bürgerkriegs immer nur das Wirken des großrussischen Aggressors erkennen zu wollen. Was eine solche Sichtweise für die dadurch zur fünften Kolonne Moskaus abgestempelte Bevölkerung der Ostukraine am Ende zur Folge haben wird, hätte man ja vielleicht bei der Rückschau auf die beiden großen Militäroperationen des Balkankrieges reflektieren können, die sich während unserer Bildungsreise just zum 20. Mal jährten – nämlich die (in der Diktion der damaligen Tagesschau) „Befreiungen“ der Enklave Bihać und von Knin mitsamt der ganzen übrigen, vom „großserbischen Aggressor“ okkupierten Gebiete Kroatiens.

Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, dass die gewaltigen Flüchtlingsströme, die sich damals gen Süden ergossen, heuer in umgekehrter Richtung durch Serbien ziehen. Dass in beiden Fällen Krieg und Flüchtlingselend maßgeblich mit zu verantworten sind von den Nachfolgern der in den demokratischen Revolutionen 1646, 1776 und 1789 ins Leben gerufenen Republiken (mitsamt den Nachzüglern von 1918–1989) – das kann man freilich nur von sozusagen engelsgleicher Warte aus wahrhaben und verstehen.

Ebenfalls vor genau 20 Jahren sinnierte übrigens Roman Herzog in einer Rede über die Antiquiertheit des Nationalstaatssystems. Wenn es nun darum geht, etwa den durch nationalstaatliche Rücksichten unzeitgemäß verkrüppelten Artikel 13 der UN-Menschenrechtscharta einen transnationalen Sinn und Inhalt zu geben, dann darf man von einem deutschen Bundespräsidenten freilich nicht viel erwarten – man kann nur wieder, engelsgleich, die Hoffnung setzen auf die armen, mutigen und entrechteten Habenichtse, die gerade aus der Levante nach Europa strömen, und sie dabei unterstützen, wie sie dieses Recht an den balkanischen Grenzzäunen – wenn es sein muss, mit Gewalt und Landfriedensbruch – erkämpfen.

So kann ich am Ende in meinem persönlichen Fazit nur mohrengleich (MEW 7, S. 34, in dem dortigen Gedankengang das „Blut der Juniinsurgenten“ durch die Leichenberge des Mittelmeers ersetzend) ausrufen: Die Freizügigkeit ist tot – es lebe die Freizügigkeit!“

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