Gedanken zum Thema „Aufstand und Revolution in der Pfalz“

Gedanken zum Thema „Aufstand und Revolution in der Pfalz“Die Reise in die Ostslowakei steht bevor und ist inzwischen ausgebucht. Doch auch meine zweite politische Radreise des Jahres rückt näher. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und ein paar Fragen zum Ursprung und der Motivation meiner Pfalztour 2012, die vom 22.9. bis 29.9. stattfinden wird, notieren. In wenigen Tagen wird hier außerdem ein längeres Interview mit Hellmuth G. Haasis erscheinen. Vorbeischauen lohnt sich.

Wie kam ich zu dem Thema?

Vor zwei Jahren sprachen mich – während einer Bildungsreise durch Bosnien – Hamburger Teilnehmende an: Zeig uns doch mal Deine Pfalz!“ Darüber dachte ich nach. Einfach nur so die schöne Landschaft, den Wein, die Esskultur, die Burgen und der Betzenberg, dass ist zwar alles schön, aber das reichte mir nicht. Ich grübelte über historisch-politische Themen, die was mit der Pfalz zu tun haben und erinnerte mich an einen Aufsatz, den Friedrich Engels über den Pfälzer Aufstand 1849 geschrieben hatte und an ein Seminar vor Urzeiten am Otto-Suhr-Institut zum Thema „Aufstand und Rebellion in der deutschen Dichtung“ mit Agnoli und Bauer. Damals öffnete mir das Seminar einen anderen Blickwinkel auf die deutsche Geschichte. Von nun an begab ich mich auf die Suche nach Geschichten des Widerstandes gegen die Obrigkeit in der Pfalz und wurde fündig.

Was entdeckte ich?

Viele verborgene Schätze aus der Geschichte von unten: Dass in Bergzabern und drum herum gleich nach der französischen Revolution mutige BürgerInnen Rathäuser besetzen und kurze Zeit später eine Republik ausriefen und – aus republikanischem Internationalismus – die Assoziierung mit dem republikanischen Frankreich forderten und bekamen, war mir nicht bekannt. Viele Dörfer schüttelten damals durch eigene Kraft ihre feudalistischen Ketten ab, verteilten Wald und Fluren unter sich auf. Andere schützten ihr Hab und Gut vor den Franzosen, in Weyer bei Edenkoben wurde eine neu gegossene Kirchenglocke vor den Franzosen versteckt. Ich war häufig im Dahner Felsenland im Urlaub, aber dass zum Beispiel Fischbach das erste Dorf Deutschlands war, welches sich befreite, erfuhr ich erst jetzt.
Auch insgesamt begriff ich mehr und mehr, wie durch die Geschichtsschreibung der Sieger, in diesem Fall des deutschen Nationalismus nach 1849 unter preußischer Führung, die freiheitliche Geschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zugeschüttet wurde und bis heute wird. In meiner Grundschule und später im Gymnasium wurde mir der Kampf um die Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in meiner Heimat nicht nur vorenthalten. Es gab weder pfälzische Demokraten noch Verständnis, was eine bürgerliche Revolution gegen eine feudale Weltordnung eben so mit sich bringt: In der aktuellen Ortschronik meines Dorfes Rheingönheim wird die Zeit kurz nach der französischen Revolution als „Annektion“ beschrieben. Ich zitiere:

„Die Versteigerungen (kirchlichen und feudalen Grundbesitzes nach der Revolution, d. A.) geschahen ohne Zustimmung der ehemaligen Besitzer. Der französische Dieb war reich geworden. Die Eigentümer von Kirchengut warten noch heute auf Entschädigung. Recht bleibt Recht – Unrecht bleibt Unrecht! Es darf sich niemand wundern, dass sich bei der pfälzischen Bevölkerung ein besonders stark ausgeprägter Hass auf die Franzosen aufbaute. Dieser konnte erst nach Ende des 2. Weltkriegs langsam abgebaut werden.“ (aus. www.rheingönheim-info.de/wegdurchdiezeiten/1792-bis-1810.html?start=2)

O la la, jetzt wurde mir klar, welch große Aufgabe es ist, hier ein differenziertes, demokratisches Geschichtsverständnis zu entwickeln.

Zur Aktualität des Themas: Zum Beispiel zur Bewertung des Hambacher Festes von 1832

Geschichte wird, jenseits historischer Quellen, von jeder Generation immer wieder neu geschrieben. Das ist auch im Falle des Hambacher Festes so. Lange Zeit totgeschwiegen, wurde es nach dem 2. Weltkrieg allmählich aufgewertet und als Geburtsstunde der Deutschen Demokratie interpretiert. Dabei wird es als Manifestation für ein vereintes und freies Deutschland dargestellt. Ausgeblendet bleibt der soziale Protest als eine Ursache der Unzufriedenheit. Vor allem in den Dörfern waren große Teile der Bevölkerung bitterarm, ausgequetscht von bayrischer Zollpolitik und Besitzbürgern. Zeugen der Unzufriedenheit sind zahlreiche, öffentlich ausgehängte Beschwerdebriefe. Viele hatten nicht einmal das Geld für den Fuhrwagen, der sie hätte nach Hambach bringen können. Auch auf dem Fest gab es Kundgebungen mit Forderungen nach Gerechtigkeit. Es waren vor allem Männer aus diesen verarmten Schichten, die dann 17 Jahre später, im Jahre 1849, mittlerweile in Turnervereinen vereint, bereit waren, auch mit der Waffe die Republik zu verteidigen. Die Ausblendung der Frage der sozialen Gerechtigkeit hat Geschichte. Damit sind wir inmitten der aktuelle Debatte zum sozialen Gehalt des Freiheitsbegriffes.
Ausgeblendet bleibt ebenfalls der internationale republikanische Geist, der im Jahre 1832 bereits in der Unterstützungsbewegung für die aufständischen Polen sichtbar wurde und dann 1849 in ganz Europa zu einer republikanischen Bewegung gegen den Obrigkeitsstaat entwickelte. Es hat sie überrascht, so eine Teilnehmerin meiner politischen Radreise im September 2011 nach dem Besuch der Ausstellung im Hambacher Schloss, das die Erklärungen ausschließlich Deutsch und nicht auch in Englisch oder Französisch sind.

…Und warum könnte das Thema speziell für die Pfälzerinnen und Pfälzer interessant sein?

Die kleine Provinz Pfalz war vor 150-200 Jahren ganz vorne in der demokratischen Entwicklung Deutschlands. Es gibt zahlreiche Beispiele von PfälzerInnen und Pfälzer, die mit ihren Familien, über Jahrzehnte hinweg, für eine demokratische Zukunft in Freiheit und ohne Armut gekämpft haben. Leider wissen wir heute viel zu wenig über diese mutigen, was ganz Neues wagende Vorfahren.
Wir PfälzerInnen haben ein Bedürfnis, uns nichts gefallen zu lassen, obrigkeitsstaatliches Reglementieren kommt hier nicht gut an. Es gibt eine eigenständige pfälzische Geschichte des Widerstands gegen Fremdbestimmung, für Solidarität untereinander und für Selbständigkeit. Die Werte, für die sich damals nicht wenige Vorfahren mit Entschiedenheit eingesetzt haben, auch mit ihrem Leben oder der Flucht aus der Heimat, sind keineswegs abgegolten – sondern hochaktuell. Was hat sie damals so mutig werden lassen, für die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mehr zu riskieren als wir heute?

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