Kristin schreibt:
Genau was ich mir unter einer politischen Radreise vorgestellt hatte.
Unglaublich mit wieviel Liebe und Kraft, Einfallsreichtum und Ideen,
Engagement und Kenntnissen diese Woche auf die Beine/Räder gestellt
wurde.
Wir wurden bekocht, betreut, gebildet, behütet, herausgefordert, uns
wurde zugehört, wir kamen zu Wort.
Für alles war Platz und Zeit; für Diskussionen, für Meinungen, für
Fragen, fürs Radeln, für Gespräche, fürs Kennenlernen. Die Ost-West
Beziehungen genauso wie die deutsch polnischen Beziehungen.
Es gelang den drei Teamern hervorragend einen Sack anspruchsvoller
Flöhe zu hüten!
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, vermischt mit jeder Menge Wissen,
was eine großartige Leistung! Respekt!!!!!!
Gerne wieder denn ich habe noch nicht genug.
Nicola schreibt:
Mir hängt immer noch die Frage der Kulturwissenschaftlerin Miłosława Borzyszkowska im Kopf, ob „der Rand zum Zentrum“ gehört. Mich selbst dem Zentrum zurechnend, habe ich spontan geantwortet „ja klar“, denn ich will ja niemand ausgrenzen. Der zweite Gedanke war aber, dass die Antwort vom Rand aus gesehen möglicherweise anders ausfällt und das dann selbstverständlich ebenfalls seine Berechtigung hätte. Sich diese verschiedenen Perspektiven bewusst zu machen, finde ich wichtig, und die Reise hat dafür sensibilisiert.
Zum Thema „Verbindendes zwischen Deutschen und Polen“: Es fällt mir schwer, das konkret zu definieren; es ist eher ein Gefühl. Ich versuche es mit zwei Beispielen, die für sich genommen vielleicht banal wirken, aber zusammen mit anderen Eindrücken zu diesem Gefühl beitragen:
Mich hat der Hinweis von Miłosława Borzyszkowska überrascht, dass Kaschuben und Sorben seit Jahrhunderten enge Beziehungen haben; schließlich liegen die Siedlungsgebiete hunderte Kilometer auseinander. Als ich einer sorbischen Freundin davon erzählt habe, war das für sie keineswegs eine Überraschung, sondern eine Tatsache („Ja, wir Sorben sind mit den Kaschuben ganz dicke“). Für mich ist dadurch Kaschubien und damit Polen gefühlt nochmal enger an Deutschland herangerückt.
Die Ausstellung im Europäischen Solidarność-Zentrum fand ich auch deshalb interessant, weil sie sowohl bei der Darstellung der Vorgeschichte der Ereignisse in Polen als auch bei der weiteren Entwicklung Geschehnisse in anderen europäischen Ländern einbezogen und auf Verbindungen hingewiesen hat, z.B. die Unterstützung aus einigen westlichen Staaten für die polnische Opposition in den 1980er Jahren und natürlich die Demokratiebewegungen in anderen mittel-/osteuropäischen Ländern.
Die Parallelität der Ereignisse 1989 in den verschiedenen Ländern war mir zwar bewusst, aber sie so in der Zusammenschau präsentiert zu bekommen, hat noch mal vor Augen geführt, dass der politische und kulturelle Raum „Europa“ nicht an der Oder endet.
Ralf dichtet:
Ein Gedicht, dass ich unseren wunderbaren Küchenfeen spontan gewidmet hatte, nachdem sie morgens „Kaffee, Kaffee!“ riefen:
Morgens. Müde Menschen auf den Sitzen
Der Schlaf kriecht noch durch alle Ritzen
Dann ein Raunen in der Menge
Es stoppen Reden und Gesänge
Ein Ruf: Kaffee, Kaffee
Und alle stömen zum Buffet
…und verschriftlicht einen Tagtraum (Auszüge):
Die Sonne scheint. Schön ist es in Danzig. Aber überlaufen. Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen und entspanne. Lasse Seele und Gedanken baumeln.
Gestern in Langfuhr. Am Brunnen. 16 Fontänen schießen aus Käfigen am Rand hervor. Treffen in der Mitte auf die Säule. Oben auf dem Sockel tanzt mit einem Schirm in der Hand Tulla Pokriefke. Spindeldürr und gut gelaunt. Oder lassen wir es Pilenz sagen: Sie besteht aus Haut, Knochen und Neugierde. Am Rand etwas abseits sitzen auf der Parkbank Oskar und Gunter. Der Kleine mit Trommel auf dem Schoß, der Große mit Buch, Pfeife und Schnecke. Oskar schaut zwar hinüber zu seinem Schöpfer, wirkt aber dennoch in sich gekehrt und einzig am Trommeln interessiert. Umgekehrt ruht der Blick wohlwollend auf ihm. Ich bin wieder in Gedanken, es wird Abend, kein Tourist weil mehr Fotos von sich auf der Bank. Vollmond. Eine letzte Wolke zieht vor der blassgelben Scheibe vorbei. Es geht auf Mitternacht. Eine ferne Glocke schlägt und schon wenden sich die Blicke der beiden auf der Bank zum Brunnen. Leises, rhythmisches Trommeln beginnt und auf der Säule nutzten schmale Füße den begrenzten Platz zu einem Tänzchen. Ein später Motorroller rauscht heran, der Fahrer würdigt der Szene keinen Blick. Dennoch erstarren alle drei für einen Moment. Selbst die Fontänen scheinen eingefroren. Kaum lässt das Knattern nach, ist der Roller in der nächsten Straße, geht der Tanz weiter. Die Trommelschläge werden dichter, lauter. Die Füße folgen. Tapp, tapp, tapp. In schneller Folge lassen sie das Wasser auf dem Sockel zu allen Seiten spritzen. Als könnten sie einen eigene Fontäne über die anderen setzen. Gegenüber wird ein Fenster aufgerissen. Cicho teraz! Ruhe jetzt! Die Stimme verrät, dass es nicht erste Mal war.
Die Trommel verstummt, der Regenschirm, gerade wild ekstatisch herumgewirbelt hebt sich über Tulla, der Fuß des einen Beins schafft es nicht mehr bis auf den Sockel. Tulla balanciert mit usgestreckten Armen auf einem Bein. Ich setze mich zwischen den beiden auf die Bank und sehe mir die Kästen an, aus denen die Fontänen in weitem Bogen zur Mitte hin geworfen werden. Jeder Kasten hat ein Gitter. Über mir wird ein Fenster mit lautem Schlag geschlossen. Könnte man den vermaledeiten Knaben doch wie früher in einen der Käfige sperren. Die ruhegestörten Gedanken sind ihrerseits so massiv, dass sie wie eine Plakatwand vor mir stehen. So war das also. Komm sofort raus da. Weg vom Brunnen. Wenn du dein gutes Sonntagskleid ruinierst, kommst du nass wie du bist in einen der Käfige. Ja, schau dich nur um. Es sind genügend da. Und wenn du ganz genau hinsiehst, siehst du auch die Knochen der Mädchen, die nicht wieder hinausdurften. Also sieh dich vor. Und komm jetzt. Es ist ohnehin Zeit, weiter zu gehen. Zeit, weiter zu gehen, sagt jemand aus der Gruppe und ich muss abermals meine Träume verlassen. Es gibt noch vieles zu sehen. Offensichtliches. Für alle sichtbar. Und Unsichtbares. Ich werde es beschreiben, wenn ich seiner habhaft werde…
Mechtild schreibt:
Mir hat besonders gefallen, dass auf diesem Bildungsurlaub der Bildung auf jeden Fall der Vorrang galt, aber Urlaub, d. h. Sport in Form des Radfahrens, Schwimmen im See, und das Vergnügen, z. B. Austausch bei köstlichem Wein mit den Gruppen-Mitgliedern auf der Terrasse und das köstliche Essen, das uns Brigitte und Kerstin zubereitet haben (selbstgebackene Brötchen zum Frühstück!), meistens nicht zu kurz kamen.
Der Besuch des Museums des 2. Weltkriegs, des Museums im Europäischen Solidarnosc-Zentrums und des Kunszt Wodny-Hauses in Danzig waren sehr lehrreich und gaben uns eine gute Übersicht über polnische Geschichte und ihre Demokratie-Bewegung.
Ergänzend dazu fanden sehr interessante Gespräche mit Piotr Leszczynski und Tadeusz Jedrzejczyk in Danzig statt. Beeindruckend fand ich auch die Persönlichkeit und ihre Stadtführung „Auf den Spuren von Günther Grass in Gdansk-Wrzeszcz/Danzig-Langfuhr“ von Magda Kosko.
Weitere, sehr kompetente und sympathische Gesprächspartnerinnen waren dann in Kartuzy/Karthaus die Museumsleiterin Barbara Kakol über die Bedeutung der Kaschubischen Kultur und zu Gast bei uns in Rzym/Rom Frau Prof. Dr. Miloslawa Borzyszkowska, die mit uns ein Gespräch über kulturelle Identitäten in Grenzräumen führte.
Last but not least ein herzliches Dankeschön an das überaus sympathische und professionelle Team, das uns durch diese Woche begleitet hat: Thomas Handrich, Ania Caban und Patryk Goldmann.
Und danke ans Wetter, das so gut mitgespielt hat.
So wird dies nicht die letzte Reise nach Polen und mit Thomas Handrich gewesen sein.
Stefan schreibt:
Erstmals hatte ich mich 2020 für diese Reise angemeldet, die dann leider wegen Covid ausfallen musste und in den Folgejahren nicht mehr angeboten wurde. Seit 2024 ist sie nun wieder im Programm bei Politische Radreisen. Mein Dank geht dafür an das Leitungsteam Thomas, Anja und Patrick die dies ermöglichen und durch ihre unterschiedlichen Kompetenzen und Hintergründe auf das breite Spektrum der Gruppe an Sichtweisen, Fragen und Diskussionen umfassend eingehen und dabei immer offen sind für andere Meinungen und neue Erkenntnisse.
Ein zweiter großer Dank geht an Brigitte und Kerstin, die uns in Rzym kulinarisch verwöhnt haben und für so viele Wünsche ein offenes Ohr haben.
Zu den beiden Museumsbesuchen, Museum des Zweiten Weltkrieges und Solidarnozc, möchte ich als Anregung die Idee einbringen, im Vorfeld des Besuchs einen Themenschwerpunkt durch Vorschlag des Leitungsteams oder Diskussion in der Gruppe herauszuarbeiten, der beim Museumsbesuch erleichtert, einen Fokus auf einen bestimmten Teil der Ausstellung zu lenken. Alleine mit dem Audioguide erlag ich zumindest der Versuchung, die gesamte Ausstellung zu erfassen, was kaum zeitlichen Raum für eine detaillierte Betrachtung einzelner Teile der Ausstellung ließ.
Näheres zu Günther Grass beim Stadtrundgang in Langfuhr zu erfahren, war dank der lebendigen Führerin kurzweilig und informativ. Für den Literaturtipp „Unkenrufe“ im Vorfeld der Reise bin ich auch sehr dankbar.
Der zweite Teil der Reise war für mich zunächst Zugewinn an Wissen. War mir Kaschubien als touristisch lohnenswerte Landschaft mit vielen Seen noch ein Begriff, wusste ich von den Kaschuben als eigene Ethnie nichts. Somit waren mir alle Input Informationen, vom Museumsbesuch bis zu persönlichen Begegnungen willkommen. Auch hier wäre für eine Vertiefung vielleicht ein thematischer Schwerpunkt möglich, zum Beispiel Zersiedelung der Landschaft oder traditionelle Lebensweisen im heutigen Alltag der Kaschuben.
Schön, dass wir hier ausreichend Zeit hatten, die Landschaft auch als Urlauber:innen zu genießen, Radfahren, Baden gehen, was an der Ostsee etwas zu kurz kam.
Wichtig bei Politische Radreisen sind mir persönlich immer direkte Begegnung und der Austausch mit Menschen vor Ort. Wenn diese nicht als Input-Veranstaltungen organisiert sind, sondern als Diskussion auf Augenhöhe, entsteht das Gefühl, dass sich beide Seiten füreinander interessieren.
Schön war auch die ungeplante Begegnung in der Fahrradwerkstatt in Kartuzy. Die Reparatur einer gebrochenen Speiche musste wenn, dann sofort erfolgen, da in zwanzig Minuten der Museumsbesuch anstand. Vier Mechaniker waren dafür zur Stelle, der Erste entfernte die kaputte Speiche, der Zweite trug diese zum Ersatzteileschrank, der Dritte vermaß die Länge, der Vierte suchte die passende neue Speiche aus. Der zZeite trug diese wieder zum Monteur zurück, der sie einbaute. Für 10 Zloty war das Rad nach wenigen Minuten wieder fit für die teils schwierigen Wege.
Marlies + Reinhard schreiben:
Ein Highlight dieser Reise war der Stadtspaziergang in Danzig zum Leben von Günther Grass. Unsere Polnische Grassexpertin (…) gestaltete die Führung so gut verständlich, detailreich und lebhaft, dass wir vollauf begeistert waren. Wir empfehlen, sie auch zu anderen Themen zu engagieren.
