Reiseblog zur Slowakeireise 2012

14. Mai 2012
In der Maurer-Schule vonย Rankovce
von Rรผdiger Rossig

Der Weg von Herlany nach Rankovce ist nicht weit, die Fahrt dauert aber dank der hรผgeligen Landschaft hier im Osten der Slowakei seine Zeit. Und auch ein bisschen SchweiรŸ, wenn man mit dem Rad unterwegs ist.
Die Berufsschule von Rankovce ist eine schlichtes Gebรคude inย  der Mitte des Ortes. Vor dem Eingang erwartet uns Stanislav Hada, einer der ganz wenigen Roma-Bรผrgermeister in der Slowakei โ€“ und wahrscheinlich weltweit โ€“ zusammen mit den beiden Lehrern, die hier den Jugendlichen des Ortes das Maurer-Handwerk beibringen.

Bรผrgermeister Hada mit Radreise-Veranstalter Thomas Handrich und dem Mecem-Kameramann

Durch ein รคrmliches, aber liebevoll gepflegtes Treppenhaus gelangen wir ins Klassenzimmer im 1. Stock. In den Bรผcherregalen im hinteren Teil des Raums steht unter anderem Karl May. Ganz offensichtlich geht es hier nicht nur um Kelle und Mรถrtel, sondern auch um andere Bereich von Bildung. Die Tafel auf der anderen Seite des Klassenzimmers steht auf einem Tischchen. Darรผber sind die Lรถcher zu sehen, wo sie irgendwann einmal aufgehรคngt werden soll.
Die Schรผler โ€“ rund 10 junge Roma-Mรคnner aus Rankovce โ€“ stehen etwas unsicher im Raum, in dem sich unsere 17 Teilnehmer plus Bรผrgermeister, Lehrkrรคfte und einem TV-Team des Roma-Medienzentrums Mecem sammeln. Fragen sie sich, was all die WeiรŸen hier wollen?
Die Jungen des Orts sollen Maurer lernen, weil man in diesem Beruf auch Arbeit findet, berichtet der Lehrer. Fรผr die Mรคdchen gibt es die Mรถglichkeit, sich zur Schneiderin ausbilden zu lassen โ€“ aber die nehmen nicht viele wahr. Die Eltern sind skeptisch, was die Ausbildung ihrer Tรถchter angeht. Und sie haben das letzte Wort.
Unsere Fragen beantworten die Schรผler mit Verzรถgerung. Und es redet auch nur einer von ihnen. Dass das nicht daran liegt, dass wir nicht willkommen sind, zeigt sich, als wir die Schule verlassen: Alle Schรผler wollen zu den nรคchsten Punkten unseres Besuchs in Rankovce mitkommen. Auf dem Weg fรคllt mir noch auf, dass im Flur der Schule ein Plakat hรคngt, das vor Menschenschmuggel warnt.


15. Mai 2012
Ein Bรผrgermeister fรผr alleย Bรผrger
von Rรผdiger Rossig

Man sieht ihm an, dass er schwere Probleme stemmen kann.โ€œ So kommentierte einer unserer Radreise-Teilnehmer das ร„uรŸere von Mirloslav Galas-Zaufal, dem Ortsvorsteher von Kecerovce. In der Nachbargemeinde von Rankovce leben 240 Slowaken, 2.680 Roma und seit neustem auch eine chinesische Familie, die โ€“ was sonst? โ€“ einen โ€žAzia Tekstil Obuvโ€œ betreibt. Zu deutsch: Einen dieser typischen Lรคden mit billigen Textilien aus Fernost, die seit Jahren รผberall in Ostmitteleuropa erรถffnet werden.

Bรผrgermeister Galas-Zaufal ist von Beruf Forstwirt โ€“ und gehรถrt als Slowake zur zweitgrรถรŸten Minderheit im Ort. Trotzdem hat die Mehrheit der รถrtlichen Romi-Mehrheit den โ€žweiรŸenโ€œ Sozialdemokraten gewรคhlt. Warum?
โ€žMiroslav kann die Leute hier zusammen bringen,โ€œ erklรคrt Sozialarbeiter Julius โ€žJuloโ€œ Pecha, der unsere Gruppe zum Rathaus von Kecerovce begleitet hat. โ€žEs hatten sich auch Romi zur Wahl gestellt, aber die wurden nur von ein paar Leuten gewรคhlt, wahrscheinlich aus ihrer Verwandtschaft oder ihrem Ortsteil. Da war klar, dass die nur einen Teil der Bevรถlkerung vertreten wรผrden.โ€œ Galas-Zaufal dagegen arbeite alle Bรผrgerinnen und Bรผrger des Ortes, โ€ždas beweist er jeden Tag durch seine Arbeit,โ€œ so Plecha, der selbst Roma ist.
โ€žUnser grรถรŸtes Problem ist die Arbeitslosigkeitโ€œ, erklรคrt der Bรผrgermeister. Bei den Romi lag die bei seinem Amtsantritt bei 100 Prozent โ€“ aber auch unter der slowakischen Bevรถlkerung haben nur 40 Prozent einen Job. Galas-Zaufal hat gleich nach seiner Wahl ein Arbeitsbeschaffungsprogramm aufgelegt und 300 Romi fรผr โ€žniedrigschwellige Arbeitenโ€œ wie die Sรคuberung des Ortes und Reparaturarbeiten an den รถffentlichen Gebรคuden angestellt. โ€žWir hรคtten gerne mehr gemachtโ€œ, sagt der Mitt-DreiรŸiger mit den breiten Schultern, aber dafรผr fehlt uns Geldโ€œ. Was Wunder, wenn rund um Kercovce kein einziger grรถรŸerer Betrieb die Transformation vom Sozialismus zum Kapitalismus รผberlebt hat.
Die Arbeitslosen erhalten โ€“ natรผrlich unabhรคngig von ihrem โ€žethnischen Hintergrundโ€œ โ€“ eine staatliche Unterstรผtzung von 80 Euro pro Erwachsenem im Monat. Kinder erhalten ein bisschen weniger. Bei einer vierkรถpfigen Familie kommen so rund 200 Euro zusammen. Diejenigen, die fรผr das Beschรคftigungsprogramm der Gemeinde arbeiten, kriegen 60 Euro pro Monat dazu. Das ist โ€“ gemessen am slowakischen Durchschnittsgehalt, das bei 700 Euro liegt โ€“ nicht viel. โ€žAber hier in der Ostslowakei sind die Lรถhne und Gehรคlter sowieso niedriger als im Westen der Slowakei,โ€œ sagt der Bรผrgermeister. โ€žUnd auรŸerdem ist den Leuten sowieso erstmal am wichtigsten, dass sie รผberhaupt etwas zu tun haben.โ€œ
Zudem hat der Bรผrgermeister nach seiner Wahl vor einem Jahr ein Lebensmittelhilfe-Programm fรผr die ร„rmsten in der Gemeinde aufgelegt. Es gibt nรคmlich auch Leute, die keine Sozialhilfe erhalten, weil sie keine Papiere haben. Was hat sich Galas-Zaufal fรผr die kommenden drei Amtsjahre vorgenommen? โ€žWir unterstรผtzen die beiden FuรŸballvereine vor Ort,โ€œ sagt der Bรผrgermeisten. Es gibt einen slowakischen und einen Roma-Club in Kecerovce. โ€žImmerhin spielen die beiden jetzt gegeneinander โ€“ und bringen auch ihre Auswรคrts-Pokale immer bei mit im Rathaus vorbei.โ€œ
Zudem wรผrde der Sozialdemokrat mit dem beeindruckend breiten Kreuz gerne das Land kaufen, auf dem die drei illegalen Roma-Siedlungen in Kecerovce stehen. Aber hier fehlt โ€“ neben Geld โ€“ der Wille der slowakischen Besitzer, an eine Gemeindeverwaltung zu verkaufen, die die Roma-Siedlungen legalisieren will.
Will der Bรผrgermeister noch mal kandidieren? Galas-Zaufal denkt einen Moment nach, bevor er antwortet. โ€žDas hier ist ein 24-Stunden-Job, sagt er dann. โ€žIch denke schon jetzt รถfter daran, wie einfach der Leben als Forstwirt war.โ€œ


16. Mai 2012
Zaungรคste in derย Romasiedlung
von Ronald Pabst

Im einem verregneten Mai radle ich mit einer Touristengruppe der besonderen Art durch die Ostslowakei: Wir schauen uns das Leben der hier ansรคssigen Roma an. Dabei bestรคtigen sich meine Vorteile โ€“ gegenรผber deutscher Sozialromantik. Roma hingegen kรถnnen so normal sein, dass sie auch Hausbesitzer in Korschenbroich im Rheinland sein kรถnnten.

Blick auf die Roma-Siedlung
(Foto: Ronald Pabst)

Wir betreten eine Siedlung, wie sie in vielen Orten Europas stehen kรถnnte. Ein Dorf, erweitert um ein paar Neubauten, die mit viel Eigeninitiative, Grรผndungsgeist und SchweiรŸ errichtet wurden.
Ich stolziere unsicher mit ein paar anderen Radlern hindurch, gefรผhrt von einer slowakischen Hausbesitzerin. Stรถrend ist allerdings ein halbfertiges Haus im Ortskern: Der Rohbau steht verrammelt โ€“ die Familie ist gerade in England. Komplett.
Dann fรผhrt uns die Frau durch ihr Haus. Verputzte Wรคnde warten auf den ersten Anstrich, halbverlegter Laminat mit Trittschalldรคmmung mahnt zum vorsichtigen Aufsetzen der schweren Schuhe โ€“ ich will ja nicht der erste sein, der sich auf diesem Boden mit einer Macke verewigt.
Insgesamt erinnert mich die Fรผhrung an Korschenbroich. Dort prรคsentierte mir im letzten Herbst ein Freund sein Haus. Zurecht mit viel Stolz, denn er hat es sich erarbeitet und vieles selbst gemacht. Auch ein paar wenige Tropfen meines SchweiรŸes flossen dort, als wir gemeinsam einen Haufen Schotter hinters Haus schippten und schubkarrten. Dieser ist die Grundlage fรผr die Terrasse, auf der wir noch sicher den einen und den anderen Grillabend verbringen werden. Und wie bei einem Neubau รผblich waren die Zรคune noch nicht abgesteckt und es roch nach frischem Putz und trocknender Farbe.
Diesen Geruch haben neue Bauten so an sich, daran erinnert mich der Geruch hier im Romadorf. Auch hier stehen keine Zรคune: auch nicht bei den Hรคusern, die schon lange stehen. Einer der Radler findet das schรถn; es erinnert ihn an eine groรŸe Familie, die gemeinsam wohnt, ohne das die Kinder beim Spielen von hohen Zรคunen daran gehindert werden, einfach mal auf das Grundstรผck des Nachbarn zu gehen. Unpassende Sozialromantik. Denn die Hausbesitzerin, die hรคtte lieber Zรคune โ€“ und klare Verhรคltnisse.
Denn der Grund dafรผr, das hier keine Zรคune stehen, der ist gar nicht romantisch. Denn niemand weiรŸ, wo das eigene Grundstรผck aufhรถrt und das des Nachbarn anfรคngt. Das hat etwas mit Freiheit zu tun, mit Vogelfreiheit. Der Grund und Boden gehรถrt nicht den Bewohnern. Genehmigungen werden recht unbรผrokratisch erteilt: Laut Schilderung der Frau ist der gewรคhlte Bรผrgermeister durch den Ort gegangen und hat den Bauwilligen gezeigt, wo sie denn bauen kรถnnten. Wie lange kann ein Haus auf so einem Fundament stehen?
Diese Zeitspanne kรถnnte sehr lang werden: Die Gemeinde mรถchte den Grund erwerben und den Roma weiterverkaufen. Doch natรผrlich mรถchte der jetzige Eigentรผmer dabei einen guten Preis erzielen und spekuliert. Rechtssicher abgeschlossen scheint der Handel noch nicht.
Zum Glรผck scheint in diesem Fall kein Grund zur Panik zu bestehen. Die Frau ist Sozialarbeiterin und weiรŸ, was sie tut. Doch es gibt auch Berichte von Menschen, die in dieser Gegend recht brutal aus dem kulturรผbergreifenden Eigenheimtraum gerissen wurden. Was heiรŸt das denn? Wenn die Arbeit von vielen Jahren, das Lebensziel genommen wird? Lohnt es in solchen Unsicherheiten รผberhaupt, sich fรผr etwas anzustrengen?
Obwohl die Abgrenzungen fehlen, bleiben wir hier nur Zaungรคste, die nur einen flรผchtigen Blick auf das Alltagsleben werfen. Es gibt so viel mehr zu sehen und zu begreifen, was ich nicht verstehen will. Kapieren tue ich nur eins: Einfache Antworten, die gibt es hier nicht. Nur komplizierte Fragen.


17. Mai 2012
Kino im Kopf
von Rรผdiger Rossig

Am Morgen unserer Abreise aus Herlany in Richtung Slowakisches Paradies sitzen wir, die TeilnehmerInnen der politischen Radreise zu den Roma-Siedlungen in der Ostslowakei, noch einmal im Saal des Hostels am Kaltwassergeysir zusammen. Reiseleiter Thomas bittet uns,die Augen zu schlieรŸen und einfach nur zuzuhรถren.
โ€žDas Licht geht aus,โ€œ sagt Thomas, als wir soweit sind, โ€žauf der Leinwand erscheinen wir mit unseren Rรคdern. Wir fahren von Herlany in Richtung Rankovce,wo uns Bรผrgermeister Hada erwartet. Er fรผhrt uns zur Roma-Siedlung am Ortsrand in Richtung Kecerovce. Roma-Frauen, Mรคnner und Kinder stehen an der StraรŸe und grรผรŸen, einige gucken auch aus ihren Hรคusern. Dann erreichen wir den neuen Brunnen. Die ersten Anwohner nรคhern sich skeptisch unserer Gruppeโ€ฆโ€œ

Blick von der StraรŸe auf die Roma-Siedlung am Ortsrand von Rankovce
(Foto: Rรผdiger Rossig)

Tatsรคchlich tauchen die Bilder des Vortages vor meinem geistigen Auge auf, wรคhrend Thomas spricht. Ich bin รผberrascht, dass ich auf diese Weise wirklich noch einmal erleben kann, was ich zwei Tage zuvorย erlebt habe. Ich befinde mich einen Moment lang wirklich wieder am Ortsrand von Rankovce und hรถre dem kleinen Bรผrgermeister mit den traurigen Augen zu, der stolz von seinen erfolgreichen Bemรผhungen berichtet, seine Mitbรผrger mit dem Allernotwendigsten zu versorgen: Wasser. Und das, ohne auf meine zahlreichen Notizen und die entsprechenden Fotos zu schauen.
โ€žMethode Kopfkinoโ€œ nennt Thomas das, als er fertig ist. Vor meinem geistigen Auge ist das Bild, dass seine Stimme in meinem Kopf erzeugt hat, stehen geblieben: Die sogenannte Dritte Welt am Rand eines Dorfs mitten in der sogenannten Zivilisation. Mitten in Europa.