Kommentare und Berichte zur Belarusreise 2019

Die Reise in den polnischen und belarussischen Urwald hat einen gewaltigen Nachhall erzeugt.
Davon zeugen u.a. die Berichte einiger Teilnehmenden und der Bericht unserer Kolleg*innen aus Belarus (leider in russischer Sprache aber mit eindrucksvollen Bildern). Mich hat es dazu bewegt, im nächsten Jahr 2 Reisen in den polnischen und vor allem den belarussischen Teil des Urwaldes anzubieten.

Hier zunächst ein paar kürzere Kommentare, längere Berichte findet Ihr weiter unten.

Eindrücke zur Bildungsreise in den Bialowieza Nationalpark:
Neben den vielen spannenden Eindrücken die Urwald, Moore und unberührte Natur erwecken, war der besondere Reiz dieser Bildungsreise der Austausch mit Guides und Teilnehmer*innen aus Belarus. Es sind zwei sehr verschiedene Welten, die aufeinandertreffen, unterschiedliche Erfahrungen und Herangehensweisen bei der Auseinandersetzung mit den Themen, die uns beschäftigen. Wir stellen fest, dass wir eine Menge voneinander lernen können und dass beide Seiten von diesem Austausch profitieren. Die erste Reise zu diesem Ziel bedeutet, dass an manchen Stellen improvisiert werden muss, dass die Vielzahl von Themen an manchen Stellen den Eindruck hinterlässt, die Inhalte nicht ausreichend vertiefen zu können. Manche Dinge brauchen Zeit, manche Dinge müssen wachsen… Möglicherweise erwächst aus dieser Reise eine besondere deutsch-weißrussische Zusammenarbeit.
Stefan, Berlin

Es war eine wunderschöne Reise, die einem viele Türen geöffnet hat:
Eine Tür zur Natur, denn wir hatten dank Führung die Möglichkeit auch den verschlossenen Teil des Białowieża Nationalparks zu besuchen.
Eine Tür zu Land und Leuten, denn dank der unterschiedlichen Teilnehmer sind wir über die Themen und Reflexionen immer besser ins Gespräch gekommen und haben viel über das unbekannte Land Weißrussland erfahren.
Und natürlich eine Tür zu vielen Begegnungen während der Fahrt auf dem Rad.
Viele Grüße aus Hagen!
Michael

Was mich auf dieser Reise am meisten beeindruckt hat:
Sechs Leute um die 30 aus Belarus kennengelernt, die mitten im Leben stehen, die jede und jeder für sich inovativ sind, nicht stehen bleiben wollen, die meisten ihre erste universitäre Ausbildung abgebrochen haben, weil enttäuscht davon, sich Kenntnisse selber angeeignet, ihr Englisch fitt getrimmt haben und eine Tätigkeit suchen, die sie verantworten können und spannend finden.
6 Leute aus Belarus, die schon viel herumgekommen sind und oft reisen im Vergleich zu ihren gleichaltrigen KollegInnen und trotzdem wieder oder immernoch in Belarus leben.
Die meisten von ihnen haben im IT-Bereich oder in den boomenden Start-ups  ihren Zugang zur Welt , ihre wirtschaftliche Absicherung, ein lebenswertes Leben gefunden bzw.sind immer in Bewegung darin.
Vier Frauen aus Belarus, die mir so vertraut vorkamen und sehr ähnlich sind wie 25-30jährige, bewusst Lebende auch bei uns. Globalisierung machts möglich in Kleidung, Tatoos, Ernährung, ökol. Haltung. Es sind Frauen mit einem starken Willen, unkonventionell, die auf gewundenen Pfaden gehen und nicht lineare curriculi vorweisen . Die sich nicht zufrieden geben mit was  ihnen geboten wird – Brot und Spiele, sondern ihren Weg finden wollen, suchend bleiben, in Bewegung.
Cora

Bielovyesa, der Wald in Polen und Weißrussland, einerseits umhegt, andererseits grösser als nur das. Immer wieder kommt die Sprache auf die Ortsansässigen (locale people) und eben „die anderen“. Strukturen, die sich überlagern, Ansprüche und auch Ärgernisse. War das schon immer so hier? Erstaunlich die zaristische Vergangenheit, mit ehemals vorhandenem Palast und aufgegebenem Bahnhof und Trassen in Polen – letztendlich war das hier früher Jagdgebiet, vielleicht schon der polnischen Könige. Nach dem Grenzübertritt fahren wir etliche Kilometer auf einem Weg mit (rekonstruierten) Doppeladlern des russ. Zaren Alexanders VI, später hören wir von „gelben“, also jagiellonischen Strassen, die wir entlangfahren. Später im Wald nach Süden ein Weg auf ehemals vorhandenen Trassen, die die Deutschen im ersten Weltkrieg gelegt hatten, tausende Tonnen Bäume fällten für die Schützengräben im Westen? Schliesslich Brest, Stadt und Festung, neue Transformation liegt in der Luft, wenn auch nur ganz sachte. Dieses Gebiet war also schon immer „begehrt“ und demnach umkämpft.
Somit doch auch ein Symbol, das man schützen möchte. Zurecht soll man hier der Natur den Vorrang lassen, scheint mir, Wald als Lebenselixier, so wie das Meer oder große Flüsse.
Da aber immer Einmischung und politische Bedrängnis drohen, von den „Zentren“ – ähnlich den allgegenwärtigen Moskitos hier -, wäre es vielleicht das Beste, dem mit der Gründung einer poln.-weißrussischen forstwissenschaftlichen (Teil-)Universität, die sich z.b. mit Kreislaufzusammenhängen beschäftigt, entgegenzuhalten, etwa mit zwei oder drei Standorten daran angegliedert. Oder, wenn man eine europäische Behörde mit derartigem Auftrag gründen möchte, wäre das hier kein schlechter Standort! Oder doch einfach und richtig: Weniger statt mehr? Denn die wichtigste Entdeckung der Reise war: Wahre Stärke liegt doch einzig darin, bescheiden zu sein, wenn man nur seine Lebensgrundlage mit Freundeskreis gefunden hat! 😉
Viele Grüße,
Georg

Im Bialowieska-Nationalpark lässt sich nachvollziehen, wie sich Wald und Moor in den vergangenen Jahrtausenden entwickelt haben. Nach der letzten Eiszeit wanderten hier Bäume ein, manche Arten schneller, andere ganz langsam – und es entstand ein vielfältiger Wald mit vielen Etagen: Am Boden umgefallene Baumriesen, auf denen Moos und Baumkeimlinge nisten, Farne, Kräuter und Gräser, in Augenhöhe Zweige von Waldlinden und Ulmen und so geht es weiter hoch bis ganz oben, wo uralte und außergewöhnlich hohe Eichen erst ganz am Ende ihrer meterdicken Stämme ihr Geäst aufgespannt haben. Werden und Vergehen – der Tod des einen ist die Lebensgrundlage für die nächsten: So schafft die Natur eine stabile und sich ständig weiterentwickelnde Vielfalt.
Wie immer auf seinen politischen Radreisen gelingt es Thomas Handrich, einmalige Erfahrungen und tiefgründige Erkenntnisgewinne zu vermitteln – sei es durch eine kundige Waldführerin, sei es durch die Beteiligung herausragender UmweltaktivistInnen aus Weißrussland oder den Besuch in Brest. In der Festung dort wird das Selbstverständnis des autoritären Staates unmittelbar erlebbar: Schon im Eingangstor werden die BesucherInnen mit pathetischer Marschmusik der vaterländischen, roten Armee empfangen und blicken dann in weiter Ferne auf einen riesigen, grimmigen Betonhelden, vor dem Jugendliche mit militärischem Pomp Mahnwache rund um ein ewiges Feuer halten. In einer internationalen Gruppe über solche Eindrücke diskutieren, Wissen, Erfahrungen und Hintergründe austauschen zu können – das ist nachhaltige Bildung.
Zwei Zusätze, die mir noch wichtig sind: Ein ganz erstaunliches Gefühl hat sich bei mir ausgebreitet, als ich die Grenze zurück überschritten hatte zwischen Belarus und Polen: Ich habe mich so gefühlt, dass ich wieder nach Europa, in die EU zurück kehre, in der ich mich sicherer fühle als in einem als totalitär ausgewiesenen System in Belarus. Ich fühlte mich an der Grenze erinnert an die alte Grenzfestung DDR. Obwohl im Land selbst dieses Gefühl nicht wirklich zu spüren war. Auch in Brest nicht, trotz des militärischen Pomps beim Besuch der Feste Brest. Es bleibt dieses Gefühl der Willkür eines totalitären Staates, das sofort verschwunden ist, als ich wieder zurück in EU Gebiet eingetaucht bin. Dieses Gefühl erreichte mich beim Übertritt über die Grenze zwischen Polen und Deutschland in Görlitz überhaupt nicht.
Und der zweite Punkt: Es fühlte sich für mich im Rückblick auf die Reise einige Tage später so an, als hätte ich bei einer echten Neuerung mitgewirkt: Der vielleicht noch nicht Etablierung, aber zumindest eines ersten Versuches, ökologischen nachhaltigen sanften Tourismus per Fahrrad in eine Region gebracht zu haben, die dieses erstens noch nicht kannte und die sehr gut unser touristisches Geld gebrauchen kann. Und die Menschen, die es verdient haben, haben es eben auch wirklich verdient durch eine qualitativ hochwertige und auch sehr freundliche und zuvorkommende Dienstleistung als erste Touristikunternehmung ihres Landes Belarus.
Annette, Berlin

Highlights unserer Radreise durch Polen und Weißrussland 2019
• Unsere weißrussischen Mitreisenden: engagiert, herzlich, weltgewandt, polyglott, sachkundig, konsequente Vegetarier (Warum esse ich eigentlich immer noch Fleisch?).
• Wie eindrücklich Alina uns über den Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion in Brest deutlich machte.
• Thomas, der geduldig Basisdemokratie mit uns einübte, von seinen polnischen und Russischen Sprach- und Länderkenntnisse ganz zu schweigen. 
• Unsere deutsch/schweizerische/chinesische Gruppe, die zusammen aus Warschau angereist war, war eine Supermischung aus Leuten mit interessanten beruflichen oder privaten Tätigkeiten: die Taz-Journalistin, die alles fragte, was ich immer schon mal wissen wollte, der Schlossbewohner, der in Südafrika für den Senior Experten Service arbeitet, Sozialarbeiter, der neue Ansätze in der Obdachlosenhilfe ausprobiert, Car-Sharing- Pr-Frau, die das Auto überflüssig machen will, ein Biologe, der die Landwirtschaft des Ländle Fit macht für den Klimawandel, eine Heilkräuterexpertin, Motorradfahrender Lehrer, marathonlaufende IT-Leute und Arbeitssuchende Polenexpertin, um hier nur einige zu nennen…
• Frühstückporridge mit selbstgemachter Heidelbeermarmelade unter dem Apfelbaum
• Die eiskalte, pinkfarbene Cholodnik, eine Suppe aus rote Beete, Gurke, Kefir, Dill und gekochtem Ei, nach einer Radfahrt an einem glühend heißen Tag.
• Der Sirup mit den Minitannenzapfen.
• Die Dorf Bjelaja mit den bunten Holzhäusern, den Gemüsegärten, die mit Wasser aus den Ziehbrunnen bewässert werden und einem Mann, der die Sense schwingt.
• Unser Ratespiel „Was wäre xy, wenn sie eine Blume wäre…“ am letzten Abend.
• Die bunten, summenden Wiesen und Felder, aus denen Schmetterlinge hochflogen, wenn wir vorbeifuhren, so wie ich es von meiner Kindheit her kenne.
• Der Morgennebel über dem Moor beim Sonnenaufgang
• Dass selbst die Nachteulen unter uns bereit waren, an einem Tag früh loszuradeln, um die Mittagshitze zu vermeiden.
• Wie weich und erfrischend das Moor sich anfühlte, als wir unsere Schuhe auszogen und barfuß drüber liefen.
Low Light:
• Der Angriff der Stechmücken in Zalessie und die Erkenntnis, dass das Öko-Spray vom DM dagegen nichts nützt.
Von Ulrike


Eindrücke von der Belarus-Tour 2019
Von Wolfgang aus Wegberg

Warum bin ich mitgefahren?

Ich fahre Fahrrad
Ich war es viele Jahre gewöhnt mich sportlich zu betätigen. Allerdings sind diese Aktivitäten seit ca. 10 Jahren auf ein derartiges Minimum reduziert, dass ich in der Regel zufrieden bin, wenn ich im Alltag von A nach B komme. Auch mein altes Fahrrad durfte in den letzten Jahren nahezu unbenutzt in der Garage stehen und ich stolperte öfters darüber, als dass ich es mit Sinn und Verstand genutzt hätte. So wollte ich durch diese Tour meinem Körper das eindeutige Zeichen geben: so geht es nicht weiter. Im Nachhinein muss ich sagen, dass diese Tour eine wirklich gelungene Massnahme war um Lust und Zutrauen in seine eigenen Kräfte wieder zu erlangen. Interessant war die Erfahrung, dass die 70 Km viel weniger anstrengend waren als die 50 Km. Ob es anstrengend wird oder nicht, hängt demnach von sehr vielen sehr unterschiedlichen Faktoren ab: Witterung, Psyche, Straßenverhältnisse…… Und: ab und zu kam ein richtiges Wohlgefühl zustande, wenn der warme Wind in dieser sehr schönen Landschaft einen umspielt und man für wenige Momente aufhört zu denken.
Am Ende kommt es dann natürlich ganz anders, denn die eigentliche echte mental-körperliche Herausforderung war nicht das Fahrradfahren, sondern die 87 Mücken, die sich in der Nacht bei 34 Grad trotz eines geschlossenen Fensters Zugang zu unserem Schlafzimmer verschafften. Das bedeutete Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit und schlechte Gedanken. Bei einer zweiten Tour in die belarussischen Sümpfe würde ich meine Ausrüstung um ein kleines Mückennetzt und eine Schraube ergänzen.

Ich fahre in einer Gruppe
Überhaupt muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht wirklich gut vorbereitet war. So war mir überhaupt nicht klar, dass in Polen sechs belarussische Teilnehmer zu uns stoßen würden, von denen zwei auch Leitungsfunktionen ausübten. Es war auf jeden Fall beruhigend für mich, dass man als Verkehrssprache dann englisch wählte und nicht russisch, was ein echtes Problem für mich geworden wäre. Was zu Anfang vielleicht als Problem erkannt wurde, entpuppte sich als eine tolle Erfahrung: eine Woche in einer fremden Sprache reden und diskutieren. Am Ende ertappt man sich, dass man in einer Gruppe von vier deutschen Teilnehmerinnen englisch redet und man denkt nur: isso.
So war es eine sehr besondere bunte Gruppe von Menschen, die sich da getroffen hat. Die deutsch-belarussische Gruppe wurde noch mit einem Chinesen ergänzt, der das Fahrradfahren sehr liebte. Ich empfand den Umgang in der Gruppe als sehr wertschätzend. Ich habe zwei Situationen erlebt, in der es mich nicht gewundert hätte, wenn ein Gesprächspartner aufgrund einer Äußerung ein wenig wütend geworden wäre. Stattdessen konnte der Standpunkt akzeptiert werden und die Konversation nahm einen sehr ruhigen und wenig emotionalen Verlauf. Die Gruppe war auch imstande mit der schwierigen Mückensituationen so umzugehen, dass die gesamte Stimmung nicht in das Gegenteil kippte. Für einen Großteil der Gruppe war der interkulturelle Austausch sehr wichtig. So ließ besonders die deutsche Gruppe nicht nach, den belarussischen Freunden immer wieder Fragen zur Person und zu Land und Leuten zu stellen. Das kann man kritisieren, weil der Informationsaustausch ein wenig einseitig geriet. Aber diesem Prozess lag ein Interesse zugrunde. Für mich sehr interessant: die belarussischen Mitfahrer waren nicht die von einer Diktatur geknechteten, leicht depressiv gestimmten Ökoaktivisten, die sich fortwährend über das ungerechte und despotische System beschwerten. Das Gegenteil war der Fall: junge, fröhliche Menschen mit einer postiven Grundeinstellung, die jeder auf seine Art seinen Frieden mit dem System gemacht haben und am Veränderungsprozess mitwirken wollen.
Und: als eher älterer Mensch empfand ich die Mischung von Jung und als sehr angenehm.

Wir fahren in ein mir unbekanntes Gebiet
Von Weißrussland wusste ich vor der Reise nur zwei Dinge. Erstens: es gehörte zur ehemaligen Sowjetunion und zweitens wird es von einem Autokraten beherrscht. Da ich mich jetzt nicht sehr gut so gut vorbereitet habe, wurde mein Wissen über dieses Land im Wesentlichen von meinen Freunden und Bekannten genährt: ein armes Land, in dem man sich nicht frei bewegen kann und wo man extrem aufpassen muss, damit die Reise nicht im Gefängnis endet. Natürlich wussten die alle nichts über dieses Land. Wer weiß überhaupt etwas? Was ich jetzt weiß: die endlosen Fahrradwege durch die Wälder sind gut asphaltiert und in einem sehr viel besseren Zustand als der Fahrradweg zwischen Matzerath und Gerkerath. Die größeren Straßen sind auch gut zu befahren, weil die wenigen Autos nur wenig störten. Im ländlichen Raum gibt es schon mal unbefestigte Pisten, die einem schon mal fahrerisches Können abverlangen.
Die wenigen Menschen, die wir über einen etwas längeren Zeitraum haben erleben dürfen, schienen allesamt recht stolz auf das zu sein, was sie machten: Pensionsbetrieb, Bewirtung von Gästen, ökologisches und politisches Engagement, Kunsthandwerk, Imkerei…
Für mich hat die Reise dazu beigetragen, weniger auf die Defizite zu schauen, die offensichtlich scheinen, als vielmehr auf das zu schauen, was da ist und die damit verbundenen Entwicklungsmöglichkeiten.
Ein Wort noch zur Leitung:
Thomas hat es sehr gut organisiert und in vielen Situationen dafür gesorgt, dass es uns gut geht. Als sehr gut empfand ich es, dass sich in dem Leitungsteam neben Thomas noch Olga, Alina und Kostia befanden, die uns auf sehr charmante Weise mit interessanten Informationen versorgten.


Unterwegs mit Politische Radreisen in Ostpolen und Weißrussland
Ein Bericht von Holger Flaig, Stuttgart

Ein Freund machte mich auf Thomas Handrichs „Politische Radreisen“ aufmerksam – eigentlich mit dem Ziel, mich zum Mitradeln bei der Jubiläumstour Pfalz/Nordelsass zu motivieren. Doch kaum las ich das Zauberwort Bialowieza, war die Flamme der Neugier geweckt. Der Urwald von Bialowieza ist für mich ein Sehnsuchtsziel seit Kindertagen und kombiniert mit Weißrussland (Belarus), einem bisher weißen Fleck auf meiner persönlichen Reiselandkarte – da gab es kein Zögern mehr: Anmelden!
Um es vorweg zu nehmen: Es hat sich rundum gelohnt! Geboten wurde eine schöne und für mich ausgewogene Mischung aus Natur pur, Kultur und Geschichte und nicht zuletzt bereichernden Begegnungen mit wunderbaren Menschen. Endlich, endlich durfte ich in der Kernzone des letzten verbliebenen Tieflandurwaldes Mitteleuropas wandeln, zugänglich nur unter Begleitung eines Rangers. Linden einmal nicht als Parkbaum, sondern als bestandesbildender Waldbaum, zusammen mit mächtigen Eichen, Ahorn, Hainbuche, Ulme, Kiefer und Fichte. Ein abwechslungsreiches Waldbild, und Totholz, viel Totholz, das Lebensraum für unzählige Arten, vor allem von Pilzen und Insekten bietet. Kein Teilnehmer, der den Zauber dieses Waldes nicht genossen hätte. Der weißrussische Teil des grenzüberschreitenden Nationalparks ist übrigens viel größer als der polnische. Auch ihn haben wir durchradelt, staunten vor manch mächtigem Baum und labten uns bei dem zumeist recht heißen Wetter am kühlen Waldesschatten. Nur „the big one“, der Wisent, bevorzugte unsichtbar zu bleiben und war nur im Wildgehege zu beobachten.
Begleitet wurden wir bereits seit Bialowieza von einem siebenköpfigen, weißrussischen jungen Team, das vielfältige Funktionen innehatte: Ko-Organisatoren, Wegweiser, Übersetzer, Vermittler von Natur und Kultur ihres Landes und vieles andere mehr. Für mich als Biologen besonders beeindruckend: Die Leute von Bahna, einer nichtstaatlichen, non-profit Naturschutzorganisation mit Basis in Minsk, Belarus (https://www.bahna.ngo/en/). Sie haben schon einiges an Erfolgen vorzuweisen und waren auch tapfer genug, um gegen staatliche Stellen gerichtlich vorzugehen. Man spürt ihr Engagement und ihre Liebe zur Natur. Wenn Volha (Olga) Kaskevich über Moore redet, fühlt man die Leidenschaft dahinter. She is the „Lady of the Mires“. She really ad-mires mires. Natürlich hatten wir Gelegenheit, sowohl Nieder- als auch Hochmoore zu sehen und bei einer frühmorgendlichen Vogelbeobachtung auch die besondere Stimmung dieses Landschaftstyps zu erspüren. Kanstantsin „Kostja“ Chykalau war der Mann, der uns den Weg wies, die Zeit im Blick hatte und zusammen mit Volha viele Dinge im Hintergrund geräuschlos regelte. Das Bahna-Team wurde durch Yulya ergänzt, die noch nicht lange bei der Organisation ist. Alina Derevyanko, eine Historikerin, lotste uns durch die Grenzkontrollen zwischen Polen/EU und Belarus und führte uns kenntnisreich durch die Festung und die Stadt Brest. Drei weitere junge Leute waren eher aus Neugier und als journalistische Begleitung mit uns gekommen, eine davon hatte die Reise in einem Wettbewerb gewonnen! Alle aber standen uns mit unendlicher Geduld für alle Fragen zu Belarus Rede und Antwort – und wir hatten viele Fragen!
Und dann waren da noch unsere Gastgeber: Olimpia, Hausherrin der ersten Unterkunft „Wejmutka“ in Bialowieza, die sich als ehemalige Direktorin des Nationalparks entpuppte, Sergej, der Biologe und Ornithologe, Hausherr auf Zalessie Wildlife Hut/Bike Hostel und seine Frau Nastja, Musikerin und Mitglied der New Folk-Ethno-Gruppe „Kriwi“, Sergej der Schmied und Tatjana die Weberin, Gastgeber in Belaja, die uns stolz ihre persönliche Sammlungen und ihr Handwerk vorführten. Oder der nette Herr im Café in Brest, der mir einfach so noch einen leckeren Muffin auf den Weg mitgab – Begegnungen, die diese Reise zu einem sehr persönlichen Erlebnis werden ließen.
Ein herzliches Willkommen wurde uns allen zuteil – vielleicht nicht selbstverständlich angesichts der Gräueltaten, die von Nazis, von Deutschen im zweiten Weltkrieg in Polen und Weißrussland verübt wurden. Politische Radreisen würde den Namen nicht verdienen, hätten wir uns nicht auch damit beschäftigt. Gräber erschossener Partisanen oder Bürger, die man dafür hielt und die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren, finden sich auch im Nationalpark von Bialowieza beiderseits der Grenze, z.T. in Form einer Gedenkstätte. Die Festung von Brest war nicht nur Schauplatz des Separatfriedens von Brest-Litowsk 1918 zwischen Deutschland und Russland, sondern auch Schauplatz heftiger Kämpfe in den ersten Tagen des Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941 mit mindestens 2000 Toten allein auf sowjetischer Seite. In der Nachkriegszeit wurde die Festung Brest als Gedenkstätte ausgebaut und der Status einer „Heldenfestung“ verliehen. Man muss die martialische Inszenierung des „Sternentors“ und die gigantische Skulptur „Mut“ nicht mögen. Der Wirkung kann man sich dennoch nicht entziehen, auch angesichts der mit Blumen geehrten Toten von Brest, der Würdigung der sowjetischen „Heldenstädte“ und des Ernstes, mit der Schüler den Ehrendienst am ewigen Feuer versehen.
Alina führte uns kundig durch die Festung und anschließend auch in die Innenstadt von Brest. Die Stadt mit über 300.000 Einwohnern bot uns eine durchaus willkommene Abwechslung nach viel Natur und Landleben. Der Besuch war auch insofern wichtig, weil er die Erkundung des Lebens in Belarus abrundete, denn fast 80% der weißrussischen Bevölkerung leben in Städten. Um Brest auf eigene Faust oder in Kleingruppen je nach Gusto zu erkunden, stand genügend freie Zeit zur Verfügung. Übrigens feiert die Stadt 2019 ihr 1000-jähriges Bestehen!
Noch ein paar Worte zu Unterkunft, Verpflegung und dem Radeln an sich:
Die Wejmutka in Bialowieza ist ein relativ neuer Holzbau im Stil eines Landhauses, gemütlich, die Eingangslobby mit ihren Jagdtrophäen vielleicht nicht jedermanns Sache, aber irgendwie gehört das zur eigenwilligen Atmosphäre dazu. Das Essen wird von den Eltern der Hausherrin liebevoll zubereitet und ist äußerst lecker. Im ersten Stock hat man die Möglichkeit, sich in Ruhe als Gruppe zu besprechen. Die beiden Unterkünfte in Belarus sind einfach, aber urgemütlich. Mehrbettzimmer sind die Regel, Toiletten und Duschen muss man sich teilen, aber etwaige Abstriche im Komfort werden durch die Herzlichkeit der Gastgeber mehr als ausgeglichen. Wo lässt es sich schon mitten in der Natur unter einem ausladenden alten Obstbaum an langer Tafel trefflich speisen? Wo zeigt einem der ausgebildete Ornithologe Kleinen Specht und Adler, Wolfsspuren und Elchskelette? Und wo bekommt man eine Einführung ins Schmiedehandwerk oder in die Bedeutung verschiedener Muster der Leintücher im Alltagsleben der ländlichen Bevölkerung. Diese beiden Orte, Zalessie und Belaya, haben eine Atmosphäre, die mit Naturnähe und dem schon fast abgedroschenen Wort Authentizität nur unzureichend umschrieben werden kann. Das Essen ist sensationell gut, herzhaft, verträglich, aus regionalen Zutaten, meist aus dem heimischen Garten und abwechslungsreich. Einziges Problem: Die Mücken. Wenn Thomas Handrich schreibt „Mückenschutz“, dann nehmt das ernst, Leute! Doch wie sagte ein Teilnehmer: Ja, es war nervig, aber ich habe das überlebt und bin stolz darauf!
Das Radeln hat selbst mir 60-jährigem, kaum Trainierten mit Knie-Arthrose wenig ausgemacht, auch nicht die beiden längeren Strecken. Die Region ist allerdings auch weitgehend flach, wirkliche Bergstrecken gibt es nicht. Anfängliche Beschwerden mit dem Hinterteil vergingen schnell, das Tempo war zügig, wurde bei Bedarf aber auch gedrosselt. Eine gewisse Basis-Fitness genügt. Zudem gab es ausreichend viele Pausen zur Regeneration: von kleinen Geschichtslektionen an Gedenkstätten oder in der Nähe des Jagdsitzes, in dem die Auflösung der Sowjetunion beschlossen wurde, über Kaffee- und Vesperpausen z.B. bei „Väterchen Frost“ im weißrussischen Teil des Waldschutzgebiets bis zu ganzen Tagen wie beim Brest-Besuch. Es gab nur eine Reifenpanne, die aber rasch behoben werden konnte. Die polnischen Fahrräder waren neu oder gut in Schuss und trugen uns mit wenigen anfänglichen Schwierigkeiten zuverlässig durchs Land.
Für den Naturwissenschaftler etwas gewöhnungsbedürftig waren die Gesprächsrunden, in denen nach Befindlichkeiten gefragt, das Erlebte durchdiskutiert und alle möglichen Pläne variantenreich erörtert und beschlossen wurden. Doch schließlich soll auch diese Reise irgendwann als Bildungsreise anerkannt werden und da muss ausgiebige Reflektion schon sein. Mehrere sehen mehr als einer und der Austausch der Sichtweisen bereichert selbstverständlich das eigene Erleben. Die Besprechungen dienten auch der Festigung der Gruppe. Nicht zuletzt dank Thomas Handrichs erfahrener und sanfter Lenkung der Reflektionsrunden fand die Gruppe schnell zusammen und funktionierte die Reise über hervorragend. Es war die erste Reise des Veranstalters zu diesem Ziel, sozusagen die Pionieraktion. Dafür funktionierte alles erstaunlich gut und nur wenig musste improvisiert werden – zumindest haben wir als Teilnehmer nicht viel davon gemerkt. Mein Urteil: Absolut und uneingeschränkt empfehlenswert für alle, die neugierig sind und sich offen auf Neues einlassen.

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