Die Geschichte der Flucht und Vertreibung aus den sogenannten „ehemaligen deutschen Ostgebieten“ ist in Deutschland schon recht gut erforscht, zumindest, was das Schicksal der Deutschen angeht. Viele, auch ich, sind mit den Erfahrungsberichten aus der eigenen Familie groß geworden.
Doch was geschah danach? Das – und noch viel mehr – war Thema der Pommernreise 2026. Mit dem Fahrrad haben wir gemeinsam mit Thomas und Sofie erkundet, wie die Menschen, die 1945 auf die Deutschen folgten, die Region zu ihrer neuen Heimat machten. Häufig kamen sie aus Gebieten, die nach dem Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion fielen und heute in der Ukraine, Belarus und Litauen liegen. Sie waren also ebenfalls Vertriebene aus ihrer Heimat – und entsprechend schwierig war für viele der Start in Pommern. Die Beiden haben hierfür ein super Programm zusammengestellt. Mein persönliches Highlight war sicher das Gespräch mit der polnischen Kulturwissenschaftlerin Beata Halicka, deren Buch „Polens wilder Westen“ im Anschluss prompt auf meiner Geburtstagswunschliste gelandet ist. Spannend auch die Recherchen von Zbigniew Mieczkowski, einem ehemaligen Oberst, und Krzysztof Reszta, einem pensionierten Grundschuldirektor, die die Geschichte der Region in eigener Regie erforscht und aufgearbeitet haben. Ein Kontrast zu den häufig sehr ernsten Themen waren die Radtouren durch die pommersche Landschaft. Die grünen Wiesen, der blühende Ginster und die dichten Wälder ließen fast vergessen, dass sich vor nicht einmal zwei Generationen in genau dieser Region, zu dieser Jahreszeit im Frühling, unglaubliche menschliche Tragödien abspielten. Abgerundet wurde das tolle Erlebnis durch die super Organisation von Thomas und Sofie, die wirklich für alle kleineren und größeren Probleme eine Lösung hatten und darüber hinaus noch top übersetzt haben; das gute Essen, Yoga am See und vor allem die gute Gemeinschaft in der Gruppe.
Catrin
Sofie und Dir, Thomas, ist es gelungen, der Gruppe Eigenverantwortung und -initiative zu übertragen, die Diskussionen und Gespräche waren gelebte Demokratie, in der auch konträre Meinungen toleriert werden. Das Programm, das ihr auf die Beine gestellt habt, war hochkarätig! Und auch gemeinsam diese Welt mit dem Rad als Fortbewegungsmittel solidarisch zu meistern, ist der Sache sehr dienlich.
Uli
Ich reise das 3. Mal mit Thomas zu Politischen Radreisen. Etwas Vergleichbares ist mir nicht bekannt. Thomas ist eine vertrauenswürdige, integre Person, mit Empathie für Andere. Er hat ein großes Wissen. Er ist echt und sozial eingestellt, einfach und human, eine Persönlichkeit!
Sein wechselndes Team kümmert sich sehr liebevoll um die Gruppe. Durch die pädagogische Methodik wird die Gruppe zur Gemeinschaft. Es sind immer tolle, interessante und sehr verschiedene Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet dabei.
In Polen trafen wir Professoren und Handwerker, Bürgermeister und einfache Dorfbewohner.
Der Blick auf die Geschichte und die Reflexion über aktuelle politische Handlungsmöglichkeiten sind sehr bereichernd. Vor allem aber: wir radeln, wir genießen die Natur und tanken auf in wunderbarer Landschaft.
Maria
Meine 2. Radreise nach Polen: Bei der Vorstellungsrunde vor einem Jahr habe ich zu 100% überzeugt gesagt, dass ich mit Polen nichts zu tun habe und nur wegen Danzig und dem Radfahren mitgekommen bin. Doch der genauere Blick auf unsere Ahnentafel hat mir gezeigt, dass ein Strang meiner Vorfahren aus dem Gebiet kommt, das heute zu Westpolen gehört. Dies hat mich motiviert, polnisch zu lernen – oder es zu versuchen – und mich vor der eigentlichen politischen Radreise auf die Suche nach den Orten meiner Vorfahren zu begeben. So kam ich schon voller Eindrücke und Begegnungen zu unserer Reise in die Ranch am See. Und da erwarteten uns dann 5 Tage voller polnisch-deutscher Begegnungen, 200 km Rad fahren, eine tolle Gruppe und Landschaft, hervorragendes Frühstück und Abendessen und eine eher bescheidene Unterkunft an einem wunderschönen See. Eben Ostrowice, mitten im “Wilden Westen” Polens, wie diese Gegend von Beata Halicka in ihrem gleichnamigen Buch bezeichnet wurde.
Wie diese wilde Zeit zwischen Ende 1944 und 1945 im ehemaligen Deutschland und neuen Polen erlebt wurde und welche Auswirkungen das bis heute hat, das war die eigentliche Frage unserer Radreise. Beata traf uns vor Ort. In ihrer prägnanten und verständlichen Sprache hat sie alle unsere Fragen beantwortet, die wir durch die Begegnungen mit einem älteren Lehrer und einem eher jüngeren Imker am 1. Tag bekommen hatten. Für die jüngere Generation ist dieses Gebiet “Vaterland”, für die ältere noch das Gebiet, in dem man “in den Häusern der Anderen” gelebt hat. Und in der ganz jungen Altersgruppe gibt es viele, die dies gar nicht mehr wissen. Wie schwierig die ganze Geschichte für die polnische Bevölkerung war, zeigt sich daran, dass erst in den letzten 20 Jahren wirklich der Mut und der Elan da waren, zu renovieren und zu investieren. Dass dies noch lange nicht abgeschlossen ist, haben wir bei unserer Fahrt zum “Gutshof Siemczyno” feststellen können. Das Konzept von “Alt trifft Neu” war sowohl im Museum als auch in der ganzen Anlage wahrzunehmen. “Wir machen weiter, wenn das Geld da ist und bis dahin nutzen wir es schon mal so, wie es ist!” Dass der ehemalige Oberst Zbigniew Mieczkowski diesen Raum nutzte, um uns mit Beamer seinen Vortrag zu präsentieren, passte damit voll ins Bild. Sein Motto, „Ich will die Dinge verstehen und alles dokumentieren”, zeigte sich in den detaillierten Angaben über die Truppenbewegungen und dann in manchen Geschichten, die offen legten, wie Familienzusammenführung von ehemals Deutschen heute in Polen über den Gräbern geschieht. Fünf volle Tage, in denen wir auch über uns selbst nachdenken konnten bzw. einige Teilnehmende ihre Vertreibungsgeschichten mit uns teilten. Diese 2. Reise mit Thomas war – wie beim ersten Mal – prima organisiert. Er und seine Kollegin Sofie sind auf unsere Wünsche unkompliziert eingegangen. Auch die Sprachbarrieren wurden Dank ihm und seiner Co-Leitung Sofie, die unermüdlich übersetzte, gut überwunden. Danke an Euch für diese tolle Zeit und wir freuen uns auf die Radreise in der Pfalz im September 2026. Wer einen geografischen Eindruck unserer Reise bekommen will, der kann die Tage über meinen Komoot-Kanal aufrufen: https://www.komoot.com/de-de/tour/3002853076 ab Tag 6.
Edith
Thema der Radtour war die Erkundung der auf den Konferenzen von Teheran und Jalta zwischen Stalin, Churchill und Truman beschlossenen ethnischen Säuberungen im Gebiet Ostpolens und im ehemals deutschen Siedlungsgebiet (bis 1937) östlich der
Oder bis zur Drawa / Warthe mit den bekannten Städten Stettin, Breslau, Oppeln bis
nach Kattowitz in Niederschlesien. Ab August 1945 wurde dann im Potsdamer
Abkommen, im Cecilienhof, die Oder als polnische Westgrenze festgesetzt. Ich selbst, mit meiner westfälischen Herkunft hatte keinerlei familiären Bezug nach
Osten – weder in die DDR noch nach Polen. Flucht und Vertreibung waren kein Thema in der Familiengeschichte. Ich erinnere mich allerdings, dass meine Mutter von einer ukrainischen Kriegsgefangenen erzählte, die während des Kriegs als Zwangsarbeiterin auf dem elterlichen Hof im westlichen Münsterland eingesetzt worden ist. Diese hatte meine Mutter freundlich als „Marijelchen“ angeredet – das Diminutiv für ihren Namen Maria.
Berichtet wurde in der Familie von Vertriebenen, die von der ostpreußischen Ostseeküste kommend, nach Kriegsende auf den Hof eingewiesen wurden. Sie bauten dann, in einer Gegend, in der vormals Seefisch ein unbekanntes Lebensmittel war, einen erfolgreichen Fischhandel auf. Während der Fahrradtour fiel mir dann ein, dass die Großeltern meines Ehemanns in Stettin wohnten und 1945 nach Ueckermünde in Vorpommern zu Verwandten geflüchtet waren. Ich hatte nie danach gefragt, ob sie Teil der organisierten Evakuierungspläne waren oder schon früher vorausschauend ihre Wohnung in der Monte Cassino Straße im Zentrum von Stettin verlassen hatten und die 60 km über die Oder-Brücken ohne Hilfe zurücklegten. Niemand hat mir von dieser Zeit erzählt.
Maria hatte mich auf „Politische Radreisen“ aufmerksam gemacht. Sie wusste, dass
ich gerne auf dem Rad sitze und mit unterschiedlichen Gruppen längere Touren entlang von Flüssen und Seen fuhr. Landschaftliche Kenntnisse quer durch D und teilweise AT und NL erwarb ich mir z. B. entlang der Ems, Lippe, Vechte, Lahn, Schlei, Rhein, Elbe, Main, Neckar, durch die Müritz, die Münsterländer Schlösserlandschaft, durch Friesland, um das Ijsselmeer, den Bodensee und das Stettiner Haff. Und das historisch-politische Interesse war durch Schule, Studium und Beruf vorbestimmt.
Und nun die Wahrnehmung von „Pomorze“ auf dem Rad. Nach wie vor bin ich tief betroffen von der unglaublichen Nachkriegsgeschichte, von den Umsiedlungen von ca. 2 Millionen Menschen aus den von der UdSSR beanspruchten Gebiete, der Ostpolen, der Letten und Litauer, Ukrainer, Ruthenen, Galizier und weiteren Minderheiten mit mir unbekannter Geschichte. Und von der Umsiedlung / Evakuierung / Vertreibung / Flucht von 3,5 Millionen Deutschen, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten zu Fuß, auf Pferd und Wagen, per Bahn und Schiff nach Westen über die Oder gebracht wurden.
Von der Fahrt zurückgekommen, werde ich befragt. Ich erzähle von den Vorträgen und Auswertungen von Beata Halicka, vom Lokalhistoriker Reszta, vom Militärhistoriker Oberst Mieczkowski, vom Imker Fujarski, von den in den Arbeitsgruppen geteilten Familiengeschichten. Als spontane Reaktion höre von Gabriela, Heide und Cornelia: „Das ist doch meine Familiengeschichte!“. Ich fasse es nicht, dass so viele Personen aus meinem Umkreis diese Geschichte in ihrer DNA haben und in der zweiten oder dritten Generation abrufen können.
Zitate: „Wir hatten einen Hof bei Vilnius und waren schon dort zu Besuch“, „Mein Vater war Professor in Lauenburg / Lebork Pommern, meine Mutter wollte nie dorthin zurück“, „Meine Eltern hatten eine Pachtung im Osten und waren auf dem Treck – ich habe mir immer die Ohren zugehalten, wenn meine Mutter davon erzählt hat.“ Sind das die vererbten Traumata? Ohne diese Reise hätte ich diese Aussagen nie gehört. Mit Gabriela, Heide oder Cornelia hatte ich nie über 80 Jahre zurückliegende Ereignisse der Weltpolitik geredet. Die Bücher von Beata und Karolyna Kuszyk habe ich verschlungen, alte Landkarten mit Grenzen und Flüssen und Ortsbezeichnungen durchgesehen. Mir fehlen die Worte für diese menschlichen Dramen. Dieses „Erfahren“ – im wörtlichen Sinne mit dem Fahrrad durchfahren – hat für mich eine erhebliche und unmittelbare Dimension. Mehr als jedes durch Unterricht oder Lesen erworbene Wissen.
Das Klima der Aufmerksamkeit in unserer Radgruppe hat mich beeindruckt. Auch
widersprüchliche Aussagen zur heutigen Polenpolitik wurden akzeptiert, die Spur zu
anderen Migrationsgebieten (z. B. an der Grenze USA-Mexiko) wurde verfolgt. Die Analyse von Fluchtgründen (Krieg, ethnische Säuberungen, Armut, Klima, Diktatur) erfolgte ebenso wie die psychischen Folgen der Flucht wie Angst, Schuldgefühlen, Schweigen, Aggression, Sucht, Traumata.
Was bleibt für mich zu tun? Mich interessiert noch, was mein Cousin an den Fonds zur einmaligen Entschädigung von Zwangsarbeitern durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ eingezahlt hat. Ihm gehört der vordem elterliche Hof heute. In der Kriegszeit waren dort, wie bereits berichtet, Zwangsarbeiter beschäftigt. Ich hatte von Gesprächen darüber gehört, das aber nicht weiterverfolgt. Außerdem will ich die polnischen Menschen, die ich aus dem Berliner Zusammenhang kenne, auf Ihre Herkunft ansprechen.
Mir bleibt, Thomas und Sofie herzlich zu danken, für ihre qualifizierte Vorbereitung, für die methodische Vielfalt, für die umsichtige Betreuung und die sprachliche und
kulturelle Vermittlung. Aufgeschrieben habe ich einfach aus dem Bauch heraus.
Anne
Vom 30. Mai bis 5. Juni 26 waren wir mit Thomas und Sofie eine Woche lang in Westpommern unterwegs – eine Region, die auf den ersten Blick unspektakulär wirkt: flaches Land, Kiefernwälder, Seen. Aber genau darin liegt der Reiz, wenn man weiß, was hier nach 1945 passiert ist. Das vormals deutsche Hinterpommern erlebte am und nach Ende des Zweiten Weltkriegs einen fast vollständigen Bevölkerungsaustausch – die deutsche Bevölkerung floh oder wurde vertrieben, Polen aus den östlichen Gebieten wurden in den zum Teil verlassenen Orten angesiedelt. Diese Geschichte wurde auf der Reise greifbar, etwa durch Gespräche mit Chronisten und Zeitzeugen, die von der Flucht ihrer Familien nach 1945 erzählten – das waren die eindrücklichsten Momente der Woche, stiller und nachdenklicher als jedes Museum. Die Radstrecken selbst sind keine Hochleistungsetappen, sondern ruhige Touren durch Dörfer, an Seen entlang und durch Wälder – manchmal etwas zäh auf Schotterwegen, aber das gehört dazu. Übernachtet wurde in der „Ranch im Tal“ (ranczosiecino.pl), einer unkomplizierten Unterkunft mit Halbpension – nicht luxuriös, aber funktional und gastfreundlich. Sprachmittlung war dabei unverzichtbar und wurde von Sofie super gemanagt. Wer eine klassische Erholungsreise sucht, ist hier falsch – wer bereit ist, sich auf Themen einzulassen, die unbequem sind, nimmt einiges mit nach Hause. Und das mit viel Frischluft in den Lungen.
Daher gerne immer wieder.
Birgit und Werner
So nah und doch so fern. Polen war ein mir unbekanntes Land. In der Woche in Westpommern bin ich ihm nähergekommen. Wir waren in einer Region, in der die Gewaltgeschichte des Zweiten Weltkrieges tiefe Spuren hinterlassen hat, vor und nach 1945. Spuren, die hüben und drüben bis heute nachwirken. Spuren, denen wir uns genähert haben. Spuren, die unseren Blick auch auf die Gegenwart erweiterten. Beeindruckend, wenn Analysen über die Folgen von Flucht und Vertreibung, im Gegenüber erkannt werden konnten. Wie immer bei Politische Radreisen eine geglückte Kombination von vielfältigem Programm, interessanten Referenten und, ganz wichtig, einer Gruppe, in und mit der ich viel lernen konnte. Und: Schönes Radfahrten in wunderschöner Landschaft und ein wunderschöner Badesee.
Jörn
Eine Landschaft zum Verlieben! Das ist der erste Eindruck, der sich bei mir festsetzte, als ich mit meiner Frau schon einige Tage vor der Bildungsreise mit dem Fahrrad auf den Spuren einiger ihrer Vorfahren, die bereits vor dem Jahr 1900 Hinterpommern verlassen hatten, unterwegs war. Viel Natur, eher wenige Menschen und meist auch wenig Verkehr im Verhältnis zu unserer Heimat in Mittelhessen. Teilweise hervorragende Radwege, die, so verrieten zweisprachige Schilder, mit Fördermitteln der EU ausgebaut worden waren.
Auf einem Fernradweg, der von der Oder bis an die belarussische Grenze führt, wechselte der Untergrund von hervorragendem Asphalt über schlechten Asphalt, wassergebundener Schotterpiste bis hin zu Waldwegen, die an vielen Stellen eine Sanddecke hatten, auf der man sehr aufpassen musste, um nicht zu stürzen. Und plötzlich Zeugen der deutschen Vergangenheit dieser Gegend: Bunkerruinen, die zum „Pommernwall“ gehörten, einem nicht fertiggestellten Bollwerk, dass von 1932 bis 1945 erbaut wurde, zunächst aus Furcht vor einem polnischen Überfall auf den Osten des Deutschen Reiches, später, 1944 bis Januar 1945, als Verteidigungslinie gegen die sowjetische Armee. Das stellte mir vor Augen, wie Angst besessen vor 100 Jahren unser Verhältnis zu Polen war. Außerdem fuhren wir durch Dörfer, denen man ansah, dass sie einmal von Deutschen gebaut und bewohnt worden waren. Dann die eigentliche Bildungsreise: Unter dem Thema „Westpommern/Polen: Verlorene Heimat – neues Zuhause? Flucht und Vertreibung damals und heute“ gingen wir der Frage nach, was die Zwangsumsiedlung der Polen aus den von der Sowjetunion beanspruchten Gebieten Ostpolens (fast die Hälfte der Fläche des Vorkriegspolen) in die von Deutschland abzugebenden Gebiete im heutigen Westen Polens bedeutete.
Zum einen ein Kulturschock: Aus der Holzhütte mit einem Zentralofen in Häuser aus Stein mit fließendem Wasser aus der Wand, Einzelöfen in den Zimmern, manchmal auch eine Zentralheizung, elektrischem Licht und was sonst noch an Annehmlichkeiten vorhanden war. Es war dort recht viel noch in Ordnung und nicht zerstört worden.
Zum anderen: Die Häuser und Wohnungen waren beileibe nicht leer. Als die ersten polnischen Umsiedler im Frühjahr 1945 kamen, waren die meisten deutschen Familien noch vor Ort. Man lebte plötzlich mit Menschen zusammen, deren Sprache man nicht sprach und die so andere Gebräuche hatten und dazu noch einer anderen Konfession angehörten.
Im Laufe des Jahres 1945 kamen die Transporte Richtung Westen in Gang, so dass bis zum Jahresende fast alle Deutschen auf die westliche Seite der Oder verbracht worden waren.
Doch ein Gefühl von Heimat stellte sich nicht ein. Wir sprachen mit Menschen, die als zweite bzw. dritte Generation in Westpommern, wie diese Gegend Polens heute offiziell heißt, dort schon geboren worden waren. Für die Jüngeren ist es die Heimat. Sie kennen nichts anderes und die Kinder und Jugendlichen wissen oft nicht, dass diese Gegend erst seit Ende des 2. Weltkriegs zu Polen gehört. Wir waren auf Friedhöfen, auf denen die meisten Gräber aus der deutschen Zeit überwuchert waren und nur noch aufgrund der Sockel der Grabsteine ausfindig gemacht werden konnten. Es gibt aber auch Bestrebungen, an die deutschen ehemaligen Bewohner zu erinnern, indem einzelne Gedenksteine errichtet oder die Gräber wieder sichtbar gemacht werden. Es brauchte bis zur Jahrtausendwende, bis die Menschen die Überzeugung hatten, dass die Deutschen nicht zurückkommen und sie vertreiben würden. Seit dieser Zeit wird auch von Privatpersonen in größerem Maße in die Renovierung ihrer Häuser investiert. Während wir uns an den Vormittagen eher theoretisch mit der Materie befassten, waren wir nachmittags mit den Rädern unterwegs, um interessante Orte aufzusuchen und mit interessanten Menschen ins Gespräch zu kommen. Das ging allerdings nur mit Übersetzung durch unsere Co-Leiterin Sofie. Als Fazit bleibt: Viele schöne Eindrücke mitgenommen, viel Neues gelernt und vor allem eine Menge neuer und netter Leute kennengelernt.
Wilfried
Nach dem Heimspiel in der Pfalz fand ich die Reise sehr anspruchsvoll und lehrreich, Gruppe und Vorträge. Es war gut und hat mich gefreut, dabei gewesen zu sein.
Jürgen
Diese Radreise war für mich sehr schön, weil ich Zeit auf dem Rad verbringen und dadurch die schöne Landschaft von Pommern betrachten konnte – wenn nicht gerade ein besonders holpriger Weg beide Augen brauchte, oder einer der anderen Teilnehmer ein Schwätzchen halten wollte. Die Seenlandschaft war für mich das Beste, aber ich habe auch Interesse für die Nachkriegsgeschichte der Region. Da habe ich einiges gelernt, sowohl von Akademikern als auch von Menschen, die ihre eigene Familiengeschichte und Erfahrungen mit uns teilten. Die Teilnehmer dieser Radtour waren ausnahmslos freundlich, interessiert und flexibel, und die tägliche Yoga Session von Maria geleitet hat mich für den ganzen Tag positiv gestimmt. Die gesamte Tour war toll organisiert und sensibel geleitet.
Susanne S.
Flucht, Vertreibung, Neubeginn – in Pommern, aus polnischer Perspektive. Erfrischende Mischung aus authentischen Vorträgen, Diskussionen und entspanntem Radeln durch weite Landschaften, dazu landestypische Kulinarik, Yoga am See, interessierte Mitreisende und dezente Moderation. Und schon war die Woche vorbei, leider.
Michael
Danke für diese lehrreiche, informative, abwechslungsreiche und interessante Bildungsreise nach Pommern. Von den Reiseleitern Thomas und Sofie wertschätzend und kompetent betreut, konnte man eintauchen in die dramatischen Vorgänge nach 1945 in dieser Region. Ein Austausch über persönliche und sehr berührende Familienerfahrungen der Mitreisenden zeigte, wie sehr diese Zeit auch in die heutigen Generationen nachwirkt - nicht nur in Westpolen, sondern auch in Deutschland, wo zahlreiche Menschen in dieser Region Wurzeln haben.
Auch in Polen wurde über die Geschehnisse im und nach dem 2. Weltkrieg weitgehend geschwiegen – so wie in Westdeutschland. Die polnische Soziologin und Journalistin Karolina Wigura sagte kürzlich in einem Interview: „Intergenerationelle Traumata reproduzieren sich nicht beim Sprechen, sondern beim Schweigen.“ In diesem Sinne kann man die Hoffnung hegen, dass solche Reisen dazu beitragen, diese Kriegs- und Nachkriegstraumata zu überwinden.
Susanne K.
