Beiträge von Teilnehmern der Pragreise 2008

Zur Pragreise 2008 haben 3 Teilnehmer jeweils einen längeren Bericht geschrieben:

Mit dem Fahrrad von Dresden nach Prag
Ein Reisebericht

Es ist Freitag, 22.8.2008. Vor 5 Tagen bin ich von Prag zurückgekommen.Bin ich eigentlich wirklich schon hier oder immer noch unterwegs? Immer wieder holen mich die Eindrücke zurück. Bilder tauchen auf. Die wunderbare Landschaft mit dem Elbsandsteingebirge und den Flüssen, die uns begleiten. In der Gruppe fühle ich mich sofort wohl. Jeder wird so genommen,wie er ist. In Dresden hören wir von der Privatisierung des kommunalen Wohnungsbestands. Man ist dadurch schuldenfrei. Aber um welchen Preis? Wohin führt das, wenn man immer mehr Gestaltungsmöglichkeiten aufgibt? Schuldenfrei und einflusslos? Spannende Diskussion. Ein weiteres Thema unserer Reise war der zunehmende Einfluß der Rechten in Sachsen. Was sind die Hintergründe und was kann man tun? NPD verbieten oder mit Zivilcourage Flagge zeigen?

Weiter lesen


Wir werden am Fluss abgeholt von Olaf Ehrlich, dem OB von Schönau. Seine Gemeinde erregte Aufsehen durch einen Stimmenanteil von 25% für die NPD. Sehr anschaulich berichtete er von seinem Alltag und den Auseinandersetzungen mit den Rechten vor Ort. Und immer wieder auf’s Rad. Es macht Spaß mit der Gruppe zu fahren. Und es ist auch kein Problem,wenn ich gelegentlich mal kräftiger in die Pedale trete und mich austobe. Ja, es besteht sogar die Möglichkeit in Eigenregie die Festung Königstein mit dem Rad zu erklettern. Belohnt wird man mit einem atemberaubenden Blick auf die Elbe. Und dann wird es mir schwer um’s Herz. Wir erreichen Terezin, das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt. Ich schleppe mich mit schweren Füssen durch das Ghetto. Hab Mühe meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Begegne einer jüdischen Reisegruppe. Schäme mich. Und dann muß ich mir doch ein stilles Plätzchen suchen, um hemmungslos zu weinen.
Was ist den Menschen alles möglich!
An einem anderen Abend sitzen wir in Litomerice draussen und unterhalten uns über das, was wir noch mit dem Prager Frühling 1968 verbinden. Bei vielen von uns sind die Erinnerungen mit dem heissen Herbst 1968 in der BRD gekoppelt. Was ist geblieben von unseren Visionen? Wo wollen wir noch hin ? Und wohin die Tschechen?
Hannah, unsere tschechische Begleiterin, erzählt uns lebendig von der Geschichte und Gegenwart ihres Landes und bringt uns einfallsreich ihre Heimatsprache nahe. Thomas, unser Reiseleiter, hat ein enormes Wissen, ist lebendig und authentisch, mit gutem Gespür für Stimmungen, auf die er auch spontan reagiert, wenn er will. Ich mag ihn in seiner ganzen Art. Die tschechischen Kleinstädte, die wir besuchen haben einen eigenartigen Charme. Melnik und Umgebung erinnert mich etwas an die Toscana. Dann sind wir in Prag. Endstation.Einige von uns besuchen eine Fotoausstellung über den Prager Frühling und lassen die Bilder noch mal auf sich wirken.
9 Tage mit vielen tiefen Eindrücken gehen zu Ende, Danke „umdenken“, Dank an Thomas, Hannah, Sasa und die Gruppe.
A N A N A S !!!  Zu deutsch: Auf uns !
Werner Montel


Bildungsurlaub – Mit dem Fahrrad von Dresden nach Prag

Die deutsche Sprache bietet zahlreiche Begriffe, die eine mehrfache Bedeutung haben.
Eine Grenzregion erfahren – mit dem Fahrrad und dabei Kenntnisse sammeln, geschichtliche Zusammenhänge bewußt machen und Perspektiven diskutieren: einiges über diese Region erfahren, was nur durch die vermittelten Kontakte möglich ist.
Dies ist Bildungsurlaub, wie er sein soll und den wir in der Woche vom 9.8.08 bis 17.8.08 mit dem hamburger Bildungswerk „umdenken“ erfahren durften..

Weiter lesen


Es war eine spannende Diskussion in Dresden zu der Problematik des Verkaufs der kommunalen Wohnungen. Politische Handlungs- und Steuerungsspielräume werden dadurch zugunsten einer kurzfristigen Haushaltssanierung freiwillig aufgegeben mit der absehbaren Folge sozialer Ghettobildung.
Der Hochwasserschutz hat für Dresden eine wichtige Bedeutung. Technische Lösungen wurden uns gezeigt, aber auch Inkonsequenz hinsichtlich umfassender Prävention.
Dresden unter kunsthistorischen Aspekten zu erfahren, muß privater Initiative vorbehalten sein.
Die Unterbringung im Brücke/Most Zentrum in Dresden war eine gute Einstimmung auf die bevorstehende grenzübergreifende Erfahrung.
Eindrucksvoll war die Begegnung mit dem Bürgermeister Ehrlich von Schöna. Das Wahlergebnis von 25% für die NPD machte aufgrund des deswegen medialen Interesses diesen Ort bundesweit bekannt. Die Vertreter der NPD zeigen sich dort bieder und volksnah und wirken mit im Vereinsleben des Ortes. – Als Kandidat einer freien Wählergemeinschaft gelang es Herrn Ehrlich die Bürgermeisterwahl gegen den NPD-Kandidaten zu gewinnen. 25% Zustimmung für die NPD sind für einen Menschen wie Herrn Ehrlich mit antifaschistischer Grundhaltung eine schwierige Herausforderung. Die Frage zu einem NPD-Verbot bleibt kontrovers.
Über die Grenze fuhren wir ins damalige Sudetenland. Dies wurde manchem von uns erst während der Fahrt bewußt. Eine deutschsprachige Minderheit ist dort noch zuhause. – Im Gespräch mit tschechischen Partnern konnten wir einiges über die problematischen nachwirkenden historisch-politischen Bedingungen dieser Region als Folge der faschistischen Politik von 1938–1945 erfahren.
Der direkte Eindruck in Theresienstadt machte uns fassungslos. Werner Imhoff schilderte uns aufgrund seiner zahlreichen Zeitzeugenbegegnungen nachvollziehbar die Lebensbedingungen in diesem Ghetto. Fassungslosigkeit stellt sich ein bei dem direkten Eindruck der Auswirkungen und Umsetzung einer verbrecherischen Politik. In Litomerice war dann Thema die Auseinandersetzung mit dem Zeitraum der „Prager Frühling“ genannt wird. Im Austausch eigener Erinnerungen und Erfahrungen untereinander ist auch die zwiespältige Bedeutung dieses Ereignisses zu dieser Zeit deutlich geworden.
Nach Prag fuhren wir im Dauerregen, der auch am folgenden Tag beim Stadtrundgang anhielt.
Diese Bildungs-Urlaubs-Woche bleibt mir in guter Erinnerung. Dies bewirkte besonders auch die gute Leitung der Reise von Thomas und Hana.
Thomas gelang es sehr gut, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern während der Woche ein Gruppengefühl zu vermitteln. Er war für diese Reise zu den Bildungsaspekten inhaltlich gut vorbereitet und er schaffte es immer, uns zu den jeweils verabredeten Zeiten ans Ziel zu bringen. Und Hana verstand es mit ihrer frischen Art uns sowohl eine Einführung in die tschechische Sprache zu geben als auch uns sozial- und kulturgeschichtliche Hintergründe von Tschechien nahe zu bringen.
Jochen


Bericht über den vom Verein „umdenken. Politisches Bildungswerk. Heinrich-Böll-Stiftung. Hamburg“ veranstalteten Bildungsurlaub „Mit dem Fahrrad von Dresden nach Prag… Unterwegs in das alte und neue Europa“ vom 09.08.2008 bis 17.08.2008

1. Vorbemerkungen
Was ist eigentlich Bildungsurlaub? Möglicherweise eine gern genutzte Verlängerung des Erholungsurlaubs? Dieser Eindruck könnte aufkommen, wenn im Programm des Bildungswerkes u.a. angeboten wird…Mit dem Fahrrad von Dresden nach Prag…
Gem. Definition bedeutet Bildungsurlaub die Freistellung von Arbeitnehmern zusätzlich zum Erholungsurlaub zur beruflichen oder politischen Weiterbildung, im Detail geregelt in Tarifverträgen und einigen Landesgesetzen.
Ich meldete mich zu diesem, meinem ersten, Bildungsurlaub an, weil ich hier die Chance sah, eine für mich relativ unbekannte Region auf eine mir sehr liebsame Art und Weise ( mit dem Fahrrad ) zu erkunden und parallel dazu die Gelegenheit erhielt, sehr ausgiebig über Themen verschiedenster Art ( Politik, Wirtschaft, Kultur, Geschichte u.a. ) informiert zu werden.
Ich war eher skeptisch, ob die veranschlagten 6 Stunden Bildung mit der täglich auf dem Rad zurückzulegenden Strecke „kompatibel“ waren…

Weiter lesen

2. Mit dem Fahrrad von Dresden nach Prag
Der Großteil der Gruppe, nämlich 13 Teilnehmer, traf sich am 09.08.08 morgens in Hamburg, um gemeinsam mit dem Zug nach Dresden zu fahren; die restlichen 5 Teilnehmer stießen unterwegs bzw. auf anderen Wegen dazu.
Für 2 Nächte waren wir im Brücke/Most-Zentrum Dresden untergebracht, einer Einrichtung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Zusammenarbeit mit der Tschechischen Republik und den anderen ostmitteleuropäischen Staaten zu fördern und gemeinsam die friedlichen Fundamente des zusammenwachsenden Europas aufzubauen und zu stärken.
So hatte die erste Einquartierung bereits einen direkten Bezug zur Thematik / zum Motto unseres Bildungsurlaubs.
Am frühen Nachmittag dieses ersten Tages kam die Gruppe in einem sehr gut geeigneten Seminarraum erstmals zusammen und lernte ihre Reiseleiter, Thomas Handrich und Hana Hlaskova, kennen; wie sich in der Folge herausstellte, ein in jeder Beziehung kompetentes und untereinander gut abgestimmtes Duo, geradezu ideal für eine erfolgreiche Durchführung dieses Bildungsurlaubs.
Beide stellten in kurzen Zügen den Ablauf dar, darin enthalten auch die aktive Einbindung der sich untereinander noch relativ fremden Gruppenmitglieder in die Themenvielfalt.
Eine auf eigene Faust durchzuführende Stadtbesichtigung sollte uns die historische Entwicklung Dresdens näher bringen; es folgte ein sehr interessanter Vortrag eines Referenten des Umweltamtes Dresden mit dem Thema „ Für die Zukunft gewappnet? Welche Konsequenzen wurden in Dresden aus dem Jahrhunderthochwasser der Elbe im Jahre 2002 gezogen?“ Das Thema war so interessant, dass auch noch in einem idyllisch gelegenen Hinterhof bei einem passenden Getränk intensiv mit dem Referenten diskutiert wurde, der uns anschließend noch vor Ort an der Elbe erste wirksam getätigte Maßnahmen zeigte.
Für alle Beteiligten war dieser erste Tag ein gelungener Einstieg in den Bildungsurlaub.
Der Sonntagmorgen begann, wie in der Folge auch jeder andere Tag, damit, dass die Gruppe nach dem Frühstück zusammenkam, der Tag im Überblick von der Reiseleitung bekannt gegeben wurde einschließlich organisatorischer Fragen und die Teilnehmer hatten die Möglichkeit, positive bzw. negative Kritik zu äußern.
An diesem Tag standen zwei Themen im Mittelpunkt. Zunächst referierte der sozialpolitische Sprecher der grünen Stadtratsfraktion Dresden Über das Thema „Kommunale Weichenstellung für die Zukunft: Entschuldung durch Privatisierung oder Beibehaltung kommunaler Wohnungen? Erste Erfahrungen mit der Privatisierung“. Mit der Privatisierung des kommunalen Wohnungsbestandes ist es Dresden als als einzigste Stadt / Kommune Deutschlands gelungen, sich vollkommen zu entschulden. Vor- und Nachteile dieser Maßnahme wurden von der Gruppe intensiv und zum Teil kontrovers diskutiert.
Nachmittags wurde die Gruppe mit einem gerade im Land Sachsen sehr aktuell heiklen Thema konfrontiert; der Sprecher des Stadtverbandes von Bündnis 90/ Die Grünen referierte über das Thema „Ist der Schoß noch fruchtbar? Hintergründe zur nationalsozialistischen Renaissance in Dresden und Sachsen“. Auch im Kontext zur gesamtpolitischen Situation in Deutschland fand das Thema hohe Aufmerksamkeit und entsprechend interessant war die Diskussion.
Am Spätnachmittag hatten die Gruppenteilnehmer wieder die Möglichkeit der individuellen Stadterkundung.
Die Abendveranstaltung begann mit einer Kurzlesung von Thomas Handrich im Hinblick auf den noch bevorstehenden Themenbereich „Prager Frühling“; dem folgte ein Filmabend mit einem von Hana Hlaskova ausgewählten wunderschönen einfühlsamen tschechischen Film, der sich mit der Judenproblematik beschäftigte.
Montagmorgen…nach dem Frühstück und dem obligatorischen Gruppenmeeting, werden die am Samstag übernommenen Fahrräder bepackt und die Radtour von Dresden nach Prag nimmt ihren Anfang.
Wir fahren auf einem wunderschönen Radweg entlang der Elbe und genießen die wunderbare Landschaft in dieser Region.
In Pirna unterbrechen wir die Fahrt und im dortigen Stadthaus referiert der Geschäftsführer der „Euroregion Elbe/Labe“ über „Vorstellung grenzüberschreitender Visionen und Projekte“; ein nicht einfaches Unterfangen in dieser doch recht strukturschwachen Grenzregion.
Anschließend geht es mit dem Rad weiter entlang der Elbe durch das Elbsandsteingebirge, u.a. mit Blick auf die Bastei und das Schloß Königstein.
Nach der Einquartierung in Bad Schandau Besuch im dortigen Nationalparkzentrum Sächsische Schweiz; hier erhält die Gruppe einen Einblick in die Entstehungsgeschichte und Kulturlandschaften der sächsischen Schweiz, die sich zu einem der bedeutenden Tourismuszentren Deutschlands entwickelt.
Bei einem gemeinsamen Abendessen und einer Kurzlesung durch Thomas Handrich klingt dieser Tag aus.
Der Dienstag beginnt routinemäßig mit der üblichen Rück-/Vorschau und Klärung organisatorischer Fragen.
Thomas Handrich gibt einen kurzen Einblick in die Ereignisse des Prager Frühlings vor 40 Jahren und dann geht’s auf dem Rad weiter entlang der Elbe Richtung Tschechische Republik. Kurz vor Erreichen der Ortschaft Reinhardtsdorf-Schöna erwartet uns der Bürgermeister der Gemeinde. Diese Gemeinde hat einen Bekanntheitsgrad in Deutschland erreicht, auf den der Bürgermeister gerne verzichtet hätte; die NPD ist mit 25% Stimmenanteil nach der letzten Kommunalwahl im Gemeinderat vertreten, ein bisher noch nicht erreichter Prozentanteil in anderen Kommunen in Deutschland. Die damit verbundene Problematik, das sich Auswirken auf das ganze Dorfleben, die Bemühungen des Bürgermeisters, diesem Trend entgegenzusteuern …eine auf unsere Gruppe sehr beeindruckende Schilderung des Bürgermeisters.
Nachdenklich setzen wir unsere Fahrt fort und passieren um die Mittagszeit die (optisch kaum noch sichtbare) deutsch-tschechische Grenze.
Bei mehreren Rastpausen gibt uns Hana Hlaskova eine Einführung in die gegenwärtige gesellschaftliche und politische Situation der Tschechischen Republik und vermag es auf gekonnt spielerische Art, der Gruppe einen Grundwortschatz der tschechischen Sprache zu vermitteln.
Unser Etappenziel Svarov, kurz vor Usti nad Labem, erreichen wir in den Abendstunden.
Dort erwartet uns dann noch ein Vortrag eines Vertreters des dort ansässigen Soziologischen Instituts mit dem Thema „Tschechien im Jahre Eins nach der Schengenintegration: Entwicklungsperspektiven des grenznahen Raumes“. Eine interessante Weiterführung / Ergänzung zu dem Vortrag in Pirna.
Wir haben Mittwoch, den 13.08.2008; nach dem Frühstück die schon routinemäßige Gruppensitzung; Hana Hlsakova sorgt auf ihre charmante Art dafür, dass wir unsere tschechischen Sprachkenntnisse etwas verfeinern und ausbauen, die Gruppenteilnehmer ziehen begeistert mit…wie überhaupt anzumerken ist…die Gruppe hat sich gefunden, die Kommunikation untereinander verläuft fast freundschaftlich, einen Außenseiter gibt es nicht.
Mit dem Fahrrad geht es ein kurzes Stück in die Stadtmitte von Usti nad Labem; ein Mitarbeiter des dortigen Museums führt uns zu den wichtigsten Stellen dieser alten Industriestadt; als Thematik steht dabei „Welche Erinnerung braucht die Zukunft? – Aufarbeitung der tschechisch-deutschen Geschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg“ im Vordergrund. Dabei spielt natürlich auch die Vertreibung der deutschen Bevölkerung eine Rolle, ein seit Jahren immer wieder politisches Spannungsfeld zwischen der Tschechischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland erzeugend.
Nachmittag geht’s weiter mit dem Fahrrad entlang der Elbe, für die meisten Teilnehmer die schönste Strecke; Pausen werden seitens der Reiseleitung genutzt, um unsere Kenntnisse für alle wichtige Bereiche betr. Tschechien zu vertiefen…aber, auch der Spaß in der Gruppe kommt nicht zu kurz und…2 Teilnehmer der Gruppe, u.a. der Reiseleiter, nutzen eine Rast, um sich in der Elbe ein wenig abzukühlen.
Das abendliche Ziel ist Litomerice mit einem wunderschönen historischen Stadtkern. Bevor wir etwas außerhalb dieser Stadt in unserem Hotel einchecken, nehmen wir gemeinsam unser Abendessen in dem Kellergewölbe einer Brauerei ein.
Nach der Einquartierung trifft sich die Gruppe auf der Terrasse des Hotels, um sich weiterhin mit dem Thema Prager Frühling zu beschäftigen; unsere Referenten vermögen es sehr gut, Fakten zu vermitteln und damit eine lebhafte Diskussion in Gang zu bringen. Sehr interessant wird es, als die einzelnen Gruppenteilnehmer schildern wie sie die Ereignisse im August 1968 erlebt und empfunden haben.
Mit vielen Eindrücken geht es in die verdiente Nachtruhe.
An diesem Donnerstag erwartet uns ein sehr bedrückendes Erlebnis…unsere Fahrradtour führt uns nach Terezin, bei uns in Deutschland besser bekannt unter dem alten Namen Theresienstadt.
Das „kurortmäßige“ Ambiente täuscht. Weltbekannt und berüchtigt wurde Theresienstadt nach der Okkupation Böhmens und Mährens durch Nazideutschland. Alle ursprünglichen Einwohner wurden zwangsausgesiedelt und im November 1942 entstand ein Ghetto, ein Konzentrationslager für Juden. Ganz Theresienstadt wurde zu einer Stadt hinter Gittern; ihr wurde eine bedeutende Rolle bei der Verwirklichung des Plans zur „Endlösung der Judenfrage“ zugesprochen.
Heute dokumentieren das Ghettomuseum und der jüdische Friedhof die Geschehnisse der Zeit. Ein Historiker der Brücke/Most-Stiftung erklärte sehr eindrucksvoll das eigentlich unfassbare Geschehen.
Anschließend ging es zur „Kleinen Festung“, ein Bestandteil des Festungskomplexes Theresienstadt; hier wurde im Jahre 1940 ein Gefängnis der Prager Gestapo eingerichtet. Bis Kriegsende durchliefen ca. 32000 Gefangene das Lager, zunächst vor allem Tschechen, mit der Zeit aber auch Angehörige anderer Völker und Juden. Besonders schwer war das Schicksal der inhaftierten Juden. Beim Gang durch die verschiedenen Örtlichkeiten erhielt die Gruppe durch einen Angestellten der Anlage einen sehr nachhaltigen Eindruck von dem, was hier mal geschehen war.
Nach diesen Stunden in Theresienstadt war es nicht ganz einfach, wieder zur „Tagesordnung“, sprich Fortsetzung der Radtour, zurückzukehren.
Der weitere Weg führte uns an einem der größten Kraftwerke der Tschechischen Republik vorbei; dieses war auch Aufhänger eines Referats von Thomas Handrich über die Energie- und Umweltpolitik der Tschechischen Republik mit intensiver Diskussion.
Am Abend erreichten wir Melnik, ein wunderschönes hoch gelegenes Örtchen im mittelböhmischen Weinanbaugebiet, am Zusammenfluß von Elbe und Moldau.
Es ist Freitag, der 15.08.08…Prag naht; einige Gruppenmitglieder hatten bereits in der Nacht in der Ferne den Lichterglanz von Prag wahrgenommen.
Aber bevor es weiterging, war weiterhin Bildungsaufnahme angesagt; zuerst in einem Restaurant und dann, eine tolle Initiative unserer Reiseleitung, im Bürgermeistersaal der Stadt Melnik. Die Geburtsstunde des Prager Frühlings sowie die aktuelle politische Situation in der Tschechischen Republik standen dabei im Vordergrund.
Da Prag nicht den Ruf einer radfahrerfreundlichen Stadt hat, wurde beschlossen, die letzten Kilometer mit dem Zug zurückzulegen, ein recht abenteuerliches Unterfangen mit glücklichem Ausgang.
Ein ruhiges Hotel in der Altstadt von Prag erwartete uns.
Dort wurden wir von Sasa Marie Lienau, einer Bildungsreferentin der Frauenorganisation proFem Prag, in Empfang genommen; sie unterstützte in der Folge unsere Reiseleitung.
Am Abend erleben wir dann eine Zeitzeugin des Prager Frühlings…Jirina Siklova, emer. Professorin der Karls-Universität, Gründer von Gender Studies und Mitglied des Verwaltungsrats von proFem, berichtet sehr eindrucksvoll über die Ereignisse in Prag 1968 und ihre Bewertung heute. Aufgrund der Örtlichkeit, einem Restaurant, ist das Zuhören und eine Diskussion äußerst schwierig; erst später, als ein Großteil der Gruppe sich in einem Hotelappartement trifft, ergibt sich ein interessanter Gedankenaustausch mit dieser so wichtigen Zeitzeugin.
Der Samstag steht im Zeichen der Stadtführung/-erkundung unter Federführung von Sasa Marie Lienau. Leider meint es das Wetter zum ersten mal auf dieser Reise nicht gut mit uns…es gießt in Strömen. Trotzdem erhalten wir einen kleinen Eindruck von dieser wunderschönen Stadt.
Am frühen Abend kommt die Gruppe zum letzten mal gemeinsam zusammen, es gilt ein Resümee zu ziehen und Hana Hlaskova zu verabschieden. Ein Abschiedsgeschenk für Hana H. wie auch für Thomas H. und der entsprechende Applaus der Gruppe zeigen, dass es eine gelungene Tour mit einer kompetenten Reiseleitung war.
Es ist Sonntag, der 17.08.08; der Himmel hat aufgeklart und die Stunden vor der Abreise werden von den meisten Teilnehmern genutzt, um noch mal von der Zitadelle einen Blick auf Prag mit ihrer Moldau zu werfen.
In den Mittagsstunden geht es mit dem Zug zurück nach Hamburg bzw. zu den sonstigen Ausgangsorten.

3. Bewertung
Meine Skepsis hinsichtlich der Einbindung von ca. 6 Stunden Bildung in eine Fahrradtour hat sich nicht bestätigt. Der sicherlich zu recht vorgeschriebene Anforderungskatalog an einen Bildungsurlaub wurde aus meiner Sicht voll erfüllt. Mit dazu beigetragen hat ganz sicherlich die sorgfältige und detaillierte Planung des Programmablaufs, die als Bildungsschwerpunkte ausgewählten Themenbereiche mit teilweise direktem Bezug zum Streckenprofil der Fahrradtour. Wichtig für den Erfolg dieser Reise war es für mich auch, dass der Bildungsanteil den Teilnehmern nicht als täglicher Block „vorgesetzt“ wurde, sondern über den ganzen Tag verteilt, sodass eine „Übermüdung“ vermieden wurde.
Einen hohen Anteil am Erfolg dieser Reise weise ich der fachlich wie menschlich/sozial kompetenten Reiseleitung zu und auch der idealen Zusammensetzung der Gruppe.

4. Schlussfolgerungen
Für mich ist der Erfolg dieses Bildungsurlaubs unbestritten, das Konzept stimmt. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass…sollte mal wieder eine ähnliche Tour geplant werden…nachfolgende Punkte beachtet werden sollten
– eine nicht zu schwierige, landschaftlich abwechslungsreiche Radstrecke von täglich ca. 40 km, um die Teilnehmer physisch nicht zu überfordern, wenn es darum geht, die geforderten 6 Stunden Bildung sinnvoll unterzubringen
– die Schwerpunktsthemen des Bildungsangebots sollten einen Bezug zu der Region haben
– Teile des Bildungsanteils sollten während der „Radelphase“ in länger andauernden Pausen dargebracht werden
– für Vorträge/Diskussionen ist die Auswahl von geeigneten Räumlichkeiten vor Ort von großer Wichtigkeit. Gaststätten ohne separate Räume sind ungeeignet. Es sollte versucht werden, über kommunale oder kirchliche Institutionen an geeignete Räumlichkeiten zu gelangen
– die Gruppenstärke sollte zwischen 16 und maximal 20 Teilnehmern sein; damit ideal sowohl für den Rad fahrenden als auch „Bildungs-„ Teil.
Diese Reise ist für mich ein Maßstab im Hinblick auf eine Teilnahme an anderen Bildungsurlauben.
Anonyme Teilnehmer*in

Werbeanzeigen