Zaungäste in der Romasiedlung

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Veröffentlicht am 17. Mai 2012 von Rüdiger Rossig | Hinterlasse einen Kommentar

Im einem verregneten Mai radle ich mit einer Touristengruppe der besonderen Art durch die Ostslowakei: Wir schauen uns das Leben der hier ansässigen Roma an. Dabei bestätigen sich meine Vorteile – gegenüber deutscher Sozialromantik. Roma hingegen können so normal sein, dass sie auch Hausbesitzer in Korschenbroich im Rheinland sein könnten.

romartikel

Blick auf die Roma-Siedlung (Foto: Ronald Pabst)

Wir betreten eine Siedlung, wie sie in vielen Orten Europas stehen könnte. Ein Dorf, erweitert um ein paar Neubauten, die mit viel Eigeninitiative, Gründungsgeist und Schweiß errichtet wurden.

Ich stolziere unsicher mit ein paar anderen Radlern hindurch, geführt von einer slowakischen Hausbesitzerin. Störend ist allerdings ein halbfertiges Haus im Ortskern: Der Rohbau steht verrammelt – die Familie ist gerade in England. Komplett.

Dann führt uns die Frau durch ihr Haus. Verputzte Wände warten auf den ersten Anstrich, halbverlegter Laminat mit Trittschalldämmung mahnt zum vorsichtigen Aufsetzen der schweren Schuhe – ich will ja nicht der erste sein, der sich auf diesem Boden mit einer Macke verewigt.

Insgesamt erinnert mich die Führung an Korschenbroich. Dort präsentierte mir im letzten Herbst ein Freund sein Haus. Zurecht mit viel Stolz, denn er hat es sich erarbeitet und vieles selbst gemacht. Auch ein paar wenige Tropfen meines Schweißes flossen dort, als wir gemeinsam einen Haufen Schotter hinters Haus schippten und schubkarrten. Dieser ist die Grundlage für die Terrasse, auf der wir noch sicher den einen und den anderen Grillabend verbringen werden. Und wie bei einem Neubau üblich waren die Zäune noch nicht abgesteckt und es roch nach frischem Putz und trocknender Farbe.

Diesen Geruch haben neue Bauten so an sich, daran erinnert mich der Geruch hier im Romadorf. Auch hier stehen keine Zäune: auch nicht bei den Häusern, die schon lange stehen. Einer der Radler findet das schön; es erinnert ihn an eine große Familie, die gemeinsam wohnt, ohne das die Kinder beim Spielen von hohen Zäunen daran gehindert werden, einfach mal auf das Grundstück des Nachbarn zu gehen. Unpassende Sozialromantik. Denn die Hausbesitzerin, die hätte lieber Zäune – und klare Verhältnisse.

Denn der Grund dafür, das hier keine Zäune stehen, der ist gar nicht romantisch. Denn niemand weiß, wo das eigene Grundstück aufhört und das des Nachbarn anfängt. Das hat etwas mit Freiheit zu tun, mit Vogelfreiheit. Der Grund und Boden gehört nicht den Bewohnern. Genehmigungen werden recht unbürokratisch erteilt: Laut Schilderung der Frau ist der gewählte Bürgermeister durch den Ort gegangen und hat den Bauwilligen gezeigt, wo sie denn bauen könnten. Wie lange kann ein Haus auf so einem Fundament stehen?

Diese Zeitspanne könnte sehr lang werden: Die Gemeinde möchte den Grund erwerben und den Roma weiterverkaufen. Doch natürlich möchte der jetzige Eigentümer dabei einen guten Preis erzielen und spekuliert. Rechtssicher abgeschlossen scheint der Handel noch nicht.

Zum Glück scheint in diesem Fall kein Grund zur Panik zu bestehen. Die Frau ist Sozialarbeiterin und weiß, was sie tut. Doch es gibt auch Berichte von Menschen, die in dieser Gegend recht brutal aus dem kulturübergreifenden Eigenheimtraum gerissen wurden. Was heißt das denn? Wenn die Arbeit von vielen Jahren, das Lebensziel genommen wird? Lohnt es in solchen Unsicherheiten überhaupt, sich für etwas anzustrengen?

Obwohl die Abgrenzungen fehlen, bleiben wir hier nur Zaungäste, die nur einen flüchtigen Blick auf das Alltagsleben werfen. Es gibt so viel mehr zu sehen und zu begreifen, was ich nicht verstehen will. Kapieren tue ich nur eins: Einfache Antworten, die gibt es hier nicht. Nur komplizierte Fragen.

Herlany, 16.5.2012

Ronald Pabst

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2 Gedanken zu „Zaungäste in der Romasiedlung

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