Rebellische Pfalz – Eine politisch-historische Radreise im Juli 2013 durch die Südpfalz

Als ein politischer Bildner mit Herzblut freue ich mich am meisten, wenn die Reise oder das Seminar Anstösse für weitere persönliche Recherche oder Nachdenken geben konnte. Bei meinen Pfalzreisen gab es bislang immer Artikel von TeilnehmerInnen zur Reise, so auch dieses Mal. Ich freue mich sehr, die Gedanken und Recherchen von Michel Walz aus Hamburg heute auf meine Webseite stellen zu dürfen. Michel beschäftigt sich in seinem Aufsatz v.a. mit der Ideengeschichte der Französischen Revolution und sucht nach Gründen für ihre Radikalität in einem Vergleich der hauptsächlichen anderen europäischen Aufklärungsbewegungen (britische und deutsche) im 18. Jahrhundert.

REBELLISCHE PFALZ
Eine politisch-historische Radreise im Juli 2013 durch die Südpfalz.

Mit dem Fahrrad gemächlich durch die weite Weinberglandschaft zwischen Rhein und dem bergigen Pfälzer Wald durch schöne alte Dörfer mit oft wundervoll bepflanzten Höfen zu ziehen – eine ersehnte Augenweide und Bestes für den Gaumen.
In Gesprächen und Gedanken an die besondere Geschichte dieser Landstriche blitzen auf: Freiheitsbäume, Fürstengewalt und Leibeigenschaft, Willkür und Menschenrechte, Republik Bergzabern und das Hambacher Fest.
Warum tauchen hier in dieser pfälzischen Landschaft so viele historische Stätten auf, die für die deutsche bürgerliche und radikaldemokratische Geschichte hervorgehoben stehen?
Warum konnte das wichtige Hambacher Fest 1832 mit seinem revolutionären demokratischen Geist und der überraschend großen Beteiligung aus allen deutschen Landen gerade nur hier in dieser freiheitlichen Prägung stattfinden? Wie fügt sich dies historisch und ideell zusammen?
Vermutlich hätte die Paulskirchenbewegung 1848 einen anderen Anfang/Verlauf genommen, wenn nicht das Hambacher Fest die Breite der radikaldemokratischen Kräfte der deutschen Öffentlichkeit des frühen Vormärz sichtbar gemacht hätte – dies ist wohl keine allzu kühne These.

Eintauchen in die Geschichte: ein Ritt in das 17.Jahrhundert.

Angesichts der langandauernden Schwächung deutscher Länder im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 48) konnte der französische König Ludwig XIV (“Sonnenkönig”), gestärkt durch den Frieden von Nimwegen (1678/79) u.a. Teile des Elsaß und Lothringen besetzen, 1681 kapitulierte Straßburg, das südpfälzische Landau wurde eine französiche Exklave als Militärbastion.
Seitdem wurde ein erheblicher französischer Einfluß auf die Pfalz und angrenzende deutsche Länder ausgeübt, zumal Frankreich im 18.Jahrhundert kontinental als mächtiger absolutistischer Staat mit Paris als großem Zentrum geistig und kulturell Europa dominierte. Hundert Jahre später verbreitete die Große Französische Revolution 1789 das antifeudale und antireligiös-säkulare Programm “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” in ganz Europa (verstärkt durch die zuvor erfolgte Unabhängigkeitserklärung der USA-einschließlich der Berufung auf die “Menschenrechte” 1776): schon eine Woche nach dem Sturm auf die Bastille (14.7.) wurde auch das Straßburger Rathaus gestürmt. In Fischbach bei Dahn in der Südwestpfalz vertrieben Bauern den feudalen Erbpächter und teilten das Land unter sich auf, andere pfälzische Dörfer folgten (1,H.G. Haasis). In Bergzabern wurde nach Kämpfen zusammen mit über zwanzig umliegenden Dörfern 1792 die freie Republik als erster deutscher Freistaat – noch vor der Mainzer Republik – ausgerufen. Im selben Jahr erobert die französische Revolutionsarmee Speyer, Worms und Mainz. In Folge stürzt Napoleon das Direktorium und wird Konsul auf Lebenszeit (1802), der “code civil” legt 1804 die bürgerlichen Errungenschaften der Revolution fest, gültig auch für die linksrheinischen Gebiete:
FREIHEIT und GLEICHHEIT sowie das Prinzip der Volkssouveränität verbreiten sich als zentrale Prinzipien einer Republik. Die Vorstellung der von Gott eingesetzten feudalen Herrschaftsform ist schwer erschüttert. Unter diesem Einfluß und einzelstaatlichen Interessen hebt 1803 der reichsständische Ausschuß in Regensburg im Reichsdeputationshauptschluß die Ordnung des ersten deutschen Reiches über Säkularisierung und Mediatisierung (ausgenommen einige Reichsstädte) auf.
1806 kommt es zur Errichtung des Rheinbundes unter Napoleons Vorherrschaft.
Der deutsche Kaiser, der Habsburger Franz der II. sieht das Land zerrissen und dankt ab. Das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist gekommen.
Nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Expansion (Leipzig, Waterloo) kommt es im Wiener Kongreß (1814/15) zur Neuordnung der europäischen Staaten, hier zur Gründung des Deutschen Bundes (nur(!) noch 35 souveräne Fürsten und 4 freie Städte), die Pfalz fällt an Bayern, die Rheinprovinz mit Kurtrier und Kurköln an Preußen.
Die Heilige Allianz 1815 zwischen den Monarchen Rußlands, Österreichs und Preußens war ursprünglich als religiös-moralischer Vertrag (russ. Zar) gedacht und wurde zu einem politisch-militärischen Instrument zur Wiederherstellung und Festigung feudaler Herrschaft im Vormärz umgewandelt: vielfach wurden Versprechen für eine bürgerrechtliche Verfassung gebrochen (z.B. Preußen).
Hier kommt eine entscheidende Besonderheit der Pfalz unter der neuen bayerisch-königlichen Landeshoheit zum Tragen: die feudale Obrigkeit vermochte nicht, die Rechte des code civil und dessen Institutionen abzuschaffen oder den rebellischen Geist der Pfälzer wesentlich zu schwächen: Auf diesem ideellen und politischem Hintergrund sind die wichtigen revolutionären Reden eines Wirth und Siebenpfeiffer 1832 zu verstehen gegen feudale Unterdrückung, Schikane und religiöse Bevormundung: Beide führten programmatisch das Hambacher Fest – eine Wegweisung für die Revolution von 1848!
Die tonangebende Führungsschicht in Hambach stammt aus der alten Revolutionszeit:
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! ( 3, H.G.Haasis)
Beide führende Kämpfer wurden vor Gericht gestellt: ein Geschworenengericht aus Pfälzern sprach beide frei – eine ungeheuere Provokation trotz erheblicher, teils militärischer Drohgebärden seitens der bayerischen Herrschaft. Natürlich wurden die beiden Freigeister politisch weiterhin verfolgt.
Das politisch gewichtige Vorbild als Vorläufer der Hambach-Manifestation ist wiederum in Frankreich die Julirevolution 1830 mit dem Sturz Karl d. X. und der Wahl des “Bürgerkönigs” Louis Philippe, der seinerseits in der Februarrevolution 1848 gestürzt wird.

Warum kam es ausgerechnet in Frankreich zu der Radikalität, die zur Großen Bürgerlichen Revolution von 1789 führte, in der die enge, scheinbar unlösbare Verstrickung von Gottesfurcht und Adelsherrschaft zerschlagen wurde und die Werte der Vernunft und Geistesfreiheit sowie der Volkssouveränität und Gleichheit und der Gewaltenteilung (Montesqieu) als Grundprinzipien der Demokratie an die Stelle des Irrationalen gesetzt wurden?
Besonderheiten der Wege europäischer Aufklärung:
Hierzu eine kleine Skizze zur Schau des verschiedenen Verlaufs der europäischen Aufklärung: als stärkste geistige Bewegung seit der Reformation und als ideeller Höhepunkt der Neuzeit wird der Ansatz der Renaissance fortgeführt, der sich auf die aufklärerische Gedankenwelt der Antike, insbesondere Griechenlands bezieht – darunter gerade auch die vom christlichen Mittelalter verschwiegene und unterdrückte Gedankenwelt eines Demokrit und Epikur.

Vorneweg zogen die Niederlande (im Westfälischen Frieden 1648 wird die Unabhängigkeit nach langen Kämpfen bestätigt), die eine unvergleichlich große Toleranz in Glaubensfragen und in Freigeisterei schon seit Mitte des 17. Jhdts. ermöglicht (altes Seefahrervolk mit großem internationalen Wissen, Wohlstand – erinnert an das ostjonische Milet im 7. Jhdt v.u.Z.-): zuvor hielt sich dort schon Descartes (1596 – 1650) auf, der Sepharde Spinoza folgte (1632 – 1677) mit scharfsinniger Kritik an Bibel und Monarchie, P.Bayle (“Kritisches Wörterbuch”) und H.Grotius (Begründer des Völkerrechts).
England war Frankreich und Deutschland ebenso über hundert Jahre voraus und verhinderte absolutistische Entwicklungen durch ein starkes Parlament (Bürgertum und Adel) und Entwicklung einer konstitutionellen Monarchie: Grundlage “Declaration of Rights” 1689, jedoch als Grundzug religiöse Intoleranz gegen das Papsttum. Zuvor fanden heftige Kämpfe statt: 1649 Hinrichtung König Karl I., der den Katholizismus wieder einführen wollte, 1688 ‘Glorious Revolution mit Vertreibung König JakobsII’.
Wichtige Denker der Aufklärung sind F.Bacon (16. Jhdt) und John Locke sowie D.Hume, auf den sich erkenntnistheoretisch Kant stützt.
In Frankreich hingegen wird früh ein scheinbar unverbrüchliches Bündnis zwischen absolutistischen Kräften und katholischer Kirche mit unerbittlicher Verfolgung der Protestanten und jegliche Reformer errichtet (1572 Bartholomäusnacht oder Pariser Bluthochzeit: Tausende Hugenotten werden mit ihrem protestantischen Führer in der Nacht ermordet). Eine Verstärkung findet dieser starre Machtblock durch den Sonnenkönig Ludwig XIV. durch gewaltsame Vervollständigung seiner absolutistischen Machtfülle (u.a. Expansion an den Rhein als französischer Grenze).
In Deutschland verläuft die Aufklärung als Projekt des 18.Jahrhunderts reformerisch: politisch zersplittert (etwa 3oo Grafschaften, Fürstentümer und Freie Reichsstädte) gibt es viele absolutistische Varianten, religiös in zwei Lager gespalten: wer unbedingt weiter einer religiösen Richtung anhängt, zieht in ein Land, in dem “seine” Religion ausgeübt wird (1555 Augsburger Religionsfrieden “Cuius regio, eius religio”). Der Herrschaftsantritt des Preußenkönigs Friedrich II (später der “Alte Fritz”) 1740 führt zu einem Stimmungsumschwung zugunsten der Aufklärung im deutschsprachigen Raum: Friedrich II bezeichnet sich als “erster Diener meines Volkes”, nicht mehr als “von Gott eingesetzt” und regiert absolutistisch!
Ganz anders in Frankreich: Aufklärung kann hier nur in scharfer Konfrontation zur starken absolutistischen und geistlichen bedingungslosen Machtausübung geschehen: radikal. Ein ungläubiges Wort, ein Verdacht auf heidnische oder – oh Schreck – auf atheistische Gesinnung kann lebenslängliches Gefängnis oder Schlimmeres bedeuten.
Trotzdem bringt die damalige Weltstadt Paris große freiheitliche Geister hervor: Voltaire, Diderot und Montesquieu reisen nach England, schulen sich dort in Debatten, studieren das Staatssystem und kehren zurück nach Paris. Sie lernen,
Zusammenkünfte zu tarnen oder bei Veröffentlichungen die strenge katholische Zensur auszuspielen oder anonym in den Niederlanden drucken zu lassen.

Der bedeutendste politische und philosophische Salon wird seit 1760 ausgerechnet von einem Pfälzer aus Edesheim bei Landau geführt, der als Kind zu seinem reichen Onkel nach Paris kam und an der berühmten niederländischen Universität Leiden studierte:
Paul Heinrich Dietrich Holbach (1711 – 1789), der sich in Paris Baron Thiry d’Holbach nannte. Ph. Blom schildert in seinem Werk “Böse Philosophen” diese aufgewühlte geistige Zeit(2): Donnerstags und Sonntags versammelten sich die besten Köpfe (D. Diderot, D. Hume, L. Sterne, J. Rousseau und viele andere), die äußerst radikale Debatten führten: sie streiten für ein zeitgemäßes Denken, das die Religion hinter sich läßt, allein auf die Kraft des Verstandes setzt, dabei auch den Leidenschaften einen angemessenen Platz einräumt. Holbach war ein radikaler Atheist (die meisten, auch naturwissenschaftlichen Schriften erschienen anonym in Holland): hier versammelten sich die Autoren der ENZYKLOPÄDIE,
das Diderot als gigantisches Werk steuerte, um der Menschheit alles Wissenswerte bekannt zu machen, Geheimwissen aufzuheben: 71.000 Artikel, über 20 Millionen Wörter in 17 Bänden – als Projekt ein funkelnder Stern der europäischen Aufklärung! Ein wunderbares Beispiel zu wörtlichen Auslegung der Bibel schildert Blom am Begriff der Arche Noah: ein Abbe’ Mallet berechnete so exakt wie möglich, wie viel Tierarten zur Zeit der Sintflut existierten, wieviel Heu und Schafe (für Fleischfresser) und Frischwasser für je zwei Exemplare für 40 Tage im Schiff geladen werden mußten, wieviel Tonnen Mist Noah und seine beiden Söhne täglich bewegen mußten usw.: Mallet kommt auf 36.000 Tonnen Wasser und 47.000 Kubikmeter Heu – wie groß mußte das Schiff sein? Dies zur wörtlichen Auslegung der Bibel. Satirische Querverweise kommen hinzu: der Artikel “Eucharistie” hat den Hinweis: “Kannibalismus”.(3)
Die Grundhaltung der Enzyklopädie bezeichnet Diderot gegenüber Voltaire 1762 so: “Unsere Devise lautet: kein Pardon für Abergläubische, Fanatiker, Unwissende, Narren, Bösewichter und Tyrannen – und Sie werden es hoffentlich an mehr als einer Stelle erkennen”.

So erklärt sich die Besonderheit der Pfalz (auch der nahen rechtsrheinischen Gebiete) mit einem “lebendigem republikanischen Geist, der durch seine Randlage nahe der deutsch-französischen Grenze offen, international und kräftig rebellisch war” (Haasis, a.a.O.).
Und so gilt heute, das “vergessene Erbe der Aufklärung” (Blom) in seiner radikalen Form als Schatz auch heute zu heben, da die geistigen und politischen Herausforderungen nicht geringer wurden:
– Warum sind diese Zusammenhänge unserer revolutionär-demokratischen Vorgeschichte fast unbekannt, wer kennt das Rastätter Schloß?
– Warum ist in der Ausstellung im Hambacher Schloß der revolutionäre Gehalt weitgehend verbannt, der zentrale Begriff der Gleichheit neben der Freiheit unkenntlich gemacht: der zentrale Sprengsatz zur Verteilung von gesellschaftlichem Reichtum, arm und reich?

Literatur:
1) Hellmut G. Haasis, Spuren der Besiegten (3Bde 1984), Morgenröte der Republik – Die linksrheinischen deutschen Demokraten 1789-1849
2) Philipp Blom, Böse Philosophen, Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, Hanser2011
3) Interview mit Hellmut G.Haasis, geführt von Thomas Handrich, Berlin, Sept. 2012

Hamburg, den 22.08.13
Michel Walz

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