Auf ein Aha-Erlebnis mit Werner

Aufgrund der Eingangsfrage könnte man meinen, dass das Interview mit Werner das Gegenstück zum vorhergehenden Interview mit Jochen darstellt. Aber wie die anderen Gespräche auch, trat hier eine ganz eigene Dynamik zu Tage.

Als wir auf dem Hambacher Schloss waren, hast Du die Podiumsdiskussion zum Ende des Parlamentarismus nicht besucht. Was hat dafür den Ausschlag gegeben?

Werner: Um es ganz kurz und klar zu sagen: Die Rückreise im Dunkeln durch den Wald und mit dem Fahrrad, da war ich mir ein bisschen unsicher. Wäre die Veranstaltung tagsüber gewesen, hätte ich sie vielleicht mitgemacht.

Wir haben einige Tage auf den Spuren der Revolution und der Demokratiebewegung hinter uns. Was ist bei Dir hängen geblieben?

Ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass sich in unserer sogennanten Demokratie häufig die Interessen des Kapitals durchgesetzt haben und eben nicht die Interessen der Mehrheit. Oft wurden die Parlamentarier erpresst: Entweder ihr lockert den Naturschutz oder senkt die Unternehmersteuern oder lockert Kündigungsschutzgesetze und erlaubt Leiharbeit oder die Arbeitsplätze sind in Gefahr.
Im Mittelpunkt steht der Profit des Kapitals und eben nicht die Menschen. Heute kommt noch dazu,dass Bürger und Kommunen bluten müssen für die Banken und die Rettungsschirme. Die Ausgaben für die Menschen sollen drastisch gekürzt. Man könnte es sich aber auch von den Reichen und Vermögenden holen.
So,wie es damals durch die Rebellion in der Pfalz geschehen ist. Die Menschen waren es leid, hohe Abgaben zu zahlen und keine Mispracherechte zu haben. Deshalb haben sie alles riskiert, um die freie Republik zu erkämpfen. So eine Reaktion wäre heute auch notwendig. Weg mit den Banken und den Zockern und den kapitalistischen Ausbeutungspraktiken. Wir müssen etwas ganz Neues schaffen.

Hast Du aus dem, was damals war Inspiration herausgezogen?

Ich sehe immer wieder diese Freiheitsbäume und die Beschwerdebriefe und vergleiche das mit den Möglichkeiten, die wir heute haben. Attac oder die Occupy-Bewegung. Das sind ja relativ neue Erhebungen. Erhebungen von Empörungen und Widerstand und ich denke, in diese Richtung müssen wir immer neu überlegen: Welche Möglichkeit haben wir da.
Campact… oder wie die Gruppierungen alle heißen.
Ich hab da nicht den goldenen Weg, aber ich bin sehr interessiert daran, irgendwo mitzumachen und vielleicht irgendeine Bewegung mit zu unterstützen oder weiterzuentwickeln.

Was war Deine Neugier und Deine Frage, um bei dieser Reise mitzumachen?

Der erste Anstoß ist natürlich von Thomas gekommen, den wir von zwei anderen Radreisen kennen und wir wissen, wie lebendig er die Radreisen gestaltet. Von daher hatten wir schon eine große Neugier. Und dann – das war mir bis dahin gar nicht so klar – was hier in der Pfalz tatsächlich abgelaufen ist. Das hat meine Neugierde geweckt. Da wollte ich einfach mehr darüber wissen. Die Revolution von 1848 war mir ein Begriff, aber was sich vorher schon hier abgespielt hat, war mir gar nicht so bewusst. Da war die Neugierde schon sehr stark, zu wissen: Was ist damals passiert?

Wurde Deine Neugierde befriedigt?

Sie hat sich durch die Reise noch gesteigert. Ich lese z.Zt. die Bücher von Helmut G. Haasis und finde sie sehr spannend. Ich weiss, dass Thomas seine Reisen immer sehr anschaulich gestaltet und wir hatten viele schöne Erlebnisse.
Gut gefallen hat mir der Besuch des Hambacher Schlosses, obwohl ich über den mühsamen Aufstieg geflucht habe. Auch die Original-Protokoll-Bücher der Rebellen in der Hand zu halten war für mich sehr berührend. Sehr tröstend fand ich, dass Rebellion und Feiern damals gut zusammen passte. Auch mit dem Rad die Original-Schauplätze aufzusuchen war sehr erhebend.
Als wir am letzten Tag am Denkmal für die gefallenen Freiheitskämpfer standen, war es mir ein Bedürfnis, mich vor Ihnen zu verbeugen. Wir können viel von Ihnen lernen.
Jetzt im Alter fällt es mir manchmal schwer, langen Reden zuzuhören. Wenn es so etwas gäbe, würde ich auch mal Filme, Bilder oder Hörbücher über diese Zeit sehen und hören.

… inzwischen sind drei Monate vergangen. Viel ist seitdem passiert. Ich möchte gerne noch folgendes wissen: Was wurde aus der gesteigerten Neugier?

Da ich seit kurzem Rentner bin, kann ich jetzt bei vielen Demos mitmachen. Ich unterstütze campact und mische mich in die Kommunalpolitik meines Wohnortes ein. Insgeheim warte ich aber auf eine grössere Bewegung, der ich mich anschließen kann.

Hintergrund: Dieses Interview sollte eigentlich im Rahmen der Pfalzreise 2012 erscheinen. Wie sich aber schnell herausstellte, blieb nach den Interviews – verteilt auf sechs Tage der Reise – nicht die Zeit für das Abtippen und Online-stellen. Nach der Tour holte mich der Alltag ein und die Texte ruhten zunächst als Audio-Datei und dann als Textdokument. Die Unmittelbarkeit der Situation und die quasi ungefilterte Wiedergabe von Eindrücken der Teilnehmer (Teilnehmerinnen bleiben von den Interviews verschont) ist damit natürlich hinfällig. Doch so gibt ersatzweise die Gelegenheit noch einmal nachzufragen.

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2 Gedanken zu „Auf ein Aha-Erlebnis mit Werner

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